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Stärken-Schwächen-Analyse - Teil 2 |
Schritt 1
Das ABC-Modell des menschlichen Verhaltens wurde von Albert Ellis entwickelt (Ellis, Albert: Die rational-emotive Therapie. München: Urban & Schwarzenberg, 1977).
Die Grundidee dieser Theorie besagt:
Ein für die eigene Person bedeutsames Ereignis (A = activating event), das intensive Konsequenzen für den eigenen Körper, die Gefühle oder das Verhalten (C = consequences) hat, kann zwar ein bedeutender Auslöser für die Konsequenzen C sein, ist aber keinesfalls der einzige Verursacher dieser Konsequenzen (A ist nicht der einzige Faktor, der zu C führt). Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um ein äußeres oder ein innerpsychisches Ereignis handelt.
Das ABC-Modell besagt, dass die Konsequenzen C in erster Linie durch die eigenen bewussten oder unbewussten Gedanken beeinflusst und bestimmt werden. Entscheidend ist, wie jemand eine Situation gedanklich bewertet. Dies geschieht durch Regeln, die man sich für sein Leben aufgestellt hat oder Einstellungen, die man zu bestimmten Dingen hat ( B = belief systems = Glaubenssystem) - (B ist ein Faktor, der C hauptsächlich beeinflusst).
Empfindet man die Konsequenzen C als Belastung oder Hindernis beim Erreichen von eigenen Zielen (C kann z.B. starke Angst, Niedergeschlagenheit oder Abhängigkeiten sein), besagt die ABC-Theorie, dass die Bewertungen B mit großer Wahrscheinlichkeit einer besonderen Struktur folgen und besondere Inhalte haben, die es zu ergründen gilt.
Beispiel
Peter empfindet jedes Mal in einer mündlichen Prüfungssituation so starke Angst, dass er sich nicht mehr konzentrieren kann und sich an nichts mehr erinnert. Grund dafür ist eine starke Angst zu versagen und sich in der Prüfungssituation durch dumme Antworten zu blamieren, da das Versagen in einer Prüfung für ihn seinen ganzen Wert als Person in Frage stellt.
Im ABC-Modell des Verhaltens würden wir diese Situation so beurteilen: Die mündliche Prüfungssituation ist A, also das "Auslösende Ereignis". Die starke Angst mit all ihren Konsequenzen ist C. "Ich muss unbedingt in dieser Prüfung gut sein, sonst stehe ich als kompletter Versager da" ist die gedankliche Bewertung der Situation B.
Bewertungen mit starken negativen Konsequenzen nennt Ellis irrationale Bewertungen (iB), wobei er irrational im Sinne von unangemessen, unrealistisch, nicht zielführend verwendet. Bei den irrationalen Bewertungen benennt Ellis vier Grundkategorien:
Beispiel: "Ich muss auf jeden Fall in allen Prüfungen die Note 1 erreichen, sonst bin ich nichts wert."
Der Gedanke, etwas "unbedingt zu müssen" gehört in diesem Beispiel zur Kategorie des "Muss-Denkens". Der Gedanke, "nichts wert zu sein" gehört zur Kategorie der "Globalen negativen Personenbewertung". Ein Beispiel für die Kategorie der "Geringen Bewertung der eigenen Frustrationstoleranz" wäre ein Gedanke, wie: "Der Stoff für die Prüfung ist so umfangreich, das ist mir einfach zu anstrengend". Ein Beispiel für die Kategorie "Katastrophendenken" wäre hier: "Wenn ich in der Prüfung auch nur einen Fehler mache, bin ich völlig unten durch."
(Ein Erweiterung zu Ellis ist, die Gegenpole dieser vier Grundkategorien mit einzubeziehen: Alles-egal-Denken, Bagatellisieren, globale positive Personenbewertung und überhöhte Bewertung der eigenen Belastbarkeit.)
Bemerkung
Ellis betont zwar, dass die irrationalen Bewertungen großen Anteil an der Entstehung von Gefühlen haben; er behauptet aber nicht, dass sie allein entscheidend dabei sind: Ellis geht davon aus, dass Gefühle, Gedanken und Verhalten einander gegenseitig beeinflussen.
Zielsetzung
Unsere Übungen zielen darauf ab, zu einer realitätsnäheren Bewertung der eigenen Person zu gelangen. Die eigenen Stärken und Schwächen sollen ausfindig gemacht werden, und es soll gelernt werden, sich als Mensch mit Stärken und Schwächen zu akzeptieren.
Bei diesem Prozess ist es wichtig, die eigenen Bewertungen nach ihrem Realitätsgehalt zu überprüfen und zu versuchen, diese Bewertungen dann stärker an die realen Gegebenheiten anzupassen. Außerdem soll die Fähigkeit, flexible Bewertungen für unterschiedliche Situationen zu finden, entwickelt werden.
Beispiel: "Diese Prüfung ist mir zwar wichtig, aber ich muss nicht unbedingt eine 1 erzielen."
oder
"Mündliche Prüfungssituationen sind zwar schwierig für mich, aber ich habe mich gut vorbereitet, und es ist kein Weltuntergang, die eine oder andere Frage nicht beantworten zu können".
Durch solche angemesseneren Bewertungen können normale und v.a. förderliche angenehme - aber auch normale unangenehme - Gefühle entstehen.
Das Konzept der Übung
Das Konzept leitet sich direkt von dem ABC-Modell ab:
Wenn hauptsächlich bestimmte Typen von unangemessenen, unrealistischen Bewertungen (iB) zu den belastenden Gefühlen, Körperreaktionen und Verhaltensweisen ( C ) führen, kann man daraus schlussfolgern, dass die Veränderung der hinderlichen Bewertungen am ehesten zu einer Verbesserung für die betroffene Person führen.
Beispiel
Ein schlechtes Prüfungsergebnis kann dazu führen, dass man mit sich und seiner Arbeitsleistung unzufrieden ist. Man sollte dann nach den Gründen suchen, z.B.: "Habe ich zu wenig gelernt," oder "War die Prüfung zu schwierig, "Was sind meine Stärken und was meine Schwächen?" und sich fragen, ob die Konsequenzen dieses Prüfungsergebnisses tatsächlich so katastrophal sind.
Dabei ist es sehr wichtig, den Wert der eigenen Person nicht von einem Ereignis wie z.B. einem Prüfungsergebnis abhängig zu machen, sondern sich vor Augen zu halten, dass man noch viele andere menschliche Qualitäten hat. Dasselbe gilt für fast alle anderen Alltagssituationen, in denen man mit möglichen Problemen oder gar Niederlagen konfrontiert ist.
Die Neubewertung
Alle unsere Übungen dienen dem Ziel, aufzuzeigen, dass es nicht diese bestimmten problematischen Situationen (A) sind, die zwangsläufig zu den unangenehmen Konsequenzen (C) führen (d.h., dass die unangenehmen Konsequenzen nicht zwangsläufig in diesen Situationen auftreten müssen), sondern dass es die bestimmten Bewertungsmuster (B) sind - deren 4 Grundkategorien oben genannt wurden - die stark mit den belastenden Konsequenzen (C) zusammenhängen.
Die Neubewertung der mit Belastung verbundenen inneren oder äußeren Situationen (A) erfordert eine Auseinandersetzung mit den hinderlichen Grundeinstellungen.
Die Disputation - Eine Grundlegende Technik
Um hinderliche und realitätsferne Muster des Denkens zu verändern, ist eine der hauptsächlichen Strategien von Ellis die so genannte Disputation. Disputation bedeutet, dass die eigenen Bewertungen durch bestimmte Techniken hinterfragt und überprüft werden sollen. Ziel ist es, die unangemessenen Bewertungen abzulegen und hilfreiche zu entwickeln.
Beispielfragen
"Wie werde ich mich fühlen und verhalten, solange ich glaube, Prüfungssituationen nicht gewachsen zu sein?" und "Hilft mir meine Bewertung dabei, mich so zu fühlen und zu verhalten wie ich möchte?"
Die zentrale Technik von Ellis ist die Umstrukturierung der grundlegenden Einstellungen, die nicht zielgerichtet und nicht der Realität angemessen sind, die so genannte Disputation.
Durch diese Methode, die man auf jede beliebige Situation anwenden kann, ist es möglich, sich seiner hinderlichen, unangemessenen Gedanken bewusst zu werden und sie durch förderliche, angemessene Gedanken zu ersetzen. Dies werden Sie in unseren Übungen systematisch kennen lernen und einüben.
Schritt 2
Das Menschenbild
Das Menschenbild, das Ellis` Konzept zugrunde liegt, ist von zwei Annahmen geprägt:
Einerseits haben alle Menschen eine starke und biologisch begründete hedonistische Tendenz ( Hedonismus = Streben nach Sinneslust und Genuss), zu überleben und dabei relativ glücklich zu leben. Menschen können sich dabei bewusst für oder gegen diese Tendenz entscheiden, was besonders für die Entscheidung zu kurzfristigem oder langfristigem Hedonismus gilt ( Kurzfristig: Genuss sofort! Langfristig: Da ich 80 Jahre alt werden möchte, ist es sinnvoll, einige Genüsse nicht sofort zu konsumieren bzw. zu befriedigen! ).
Andererseits hat der Mensch eine ebenso starke und auch biologisch begründete Tendenz zu einer Form von Denken, Fühlen und Handeln, das selbstschädigend und irrational ist.
Verhaltensursache
Ellis` Einstellung zu der Ursache von Verhalten geht zurück auf die Position des so genannten "Reziproken Determinismus" - umgangssprachlich etwa "Wechselseitige Bestimmtheit" (Bandura, 1977). Diese besagt, dass bestimmte Bewertungsmuster B zwar in erster Linie dazu führen, dass bestimmte gefühlsmäßige, körperliche und verhaltensmäßige Konsequenzen C auftreten, aber die Wahrnehmung der auslösenden Ereignisse A genauso von den zugrunde liegenden Bewertungsmustern B abhängt und auch die Bewertungsmuster B durch die auslösenden Ereignisse A beeinflusst werden. Sie beeinflussen einander wechselseitig.
Beispiel: Peter hat starke Angst vor der Prüfung, da er sich nicht genügend zutraut. Daher ist er in der Prüfungssituation vor lauter Aufregung nicht fähig, sich zu konzentrieren. Dies führt natürlich wiederum auch dazu, dass die Prüfungssituation als noch bedrohlicher empfunden wird. Da er sich nicht konzentrieren kann, erzielt er ein schlechtes Ergebnis und die Angst vor der nächsten Prüfung wird noch größer.
Schritt 3
Konkrete Ziele der Übungen
Die Übungen zielen auf die grundlegende Tendenz der Menschen, das langfristige Überleben sichern zu wollen und dabei jeweils so glücklich zu sein, wie es unter den gegebenen oder aus eigener Kraft veränderbaren Umständen möglich ist. Die Übungen sollen dabei helfen, Stärken und Schwächen zu erkennen und sich selbst mit Stärken und Schwächen zu akzeptieren, ohne sich dabei gleich als ganze Person zu bewerten. Es soll ein neues tragfähiges System von Einstellungen, Bewertungen, Lebensregeln und Philosophien erarbeitet werden. Dies soll durch folgende Vorgänge ermöglicht werden:
Schritt 4
Der Begriff seelische Gesundheit fasst alle psychischen Eigenschaften zusammen (unter psychischen Eigenschaften versteht man die relativ stabilen Eigenschaften des Verhaltens und Erlebens), die dazu beitragen die Wahrscheinlichkeit des Auftretens einer psychischen Krankheit zu verringern (Schelp/ Gravemeier/ Maluck, 1997). Der Grad der seelischen Gesundheit ist also ein Faktor, der die individuelle Wahrscheinlichkeit einer psychischen Erkrankung verringert.
Die seelische Gesundheit einer Person ist das Ergebnis der Fähigkeit dieser Person, ihre eigenen Anforderungen an sich selber und die äußeren Anforderungen in einem hohen Maß erfüllen zu können. Die eigenen Anforderungen lassen sich mit Zielen und Wertmaßstäben bezeichnen. Die äußeren Anforderungen beinhalten alle Anforderungen, die von der Umwelt an eine Person gestellt werden, aber auch belastende Faktoren, wie z.B. eine Lärmbelästigung.
Wenn es einer Person nicht gelingt, eigene und äußere Anforderungen in Einklang zu bringen (bzw. ausreichend zu erfüllen) dann ist die seelische Gesundheit gefährdet bzw. in manchen Fällen nicht mehr vorhanden. Ist dies der Fall, können die hier angebotenen Übungen hilfreich sein.
Dipl.-Psych. Volker Drewes
Nollendorfstr. 28
10777 Berlin