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Premiumtext Angst

Angst - Phänomen unserer Zeit

 

Inhaltsangabe

1. Eine Lebensgeschichte (Anonymus) als Beispiel

2. Die Analyse der Angst durch Freud, Reich und Jung

2.1 Freud: Das Leben ist nicht leicht!
2.2 Reich: Aufgestaute Erregung
2.3 Jung: Licht des Bewußtseins

3. Die Grundformen der Angst bei Riemann

3.1 Schizoide Persönlichkeitsstruktur
3.1.1 Angst und die schizoiden Persönlichkeitsstrukturen

3.2 Depressive Persönlichkeitsstruktur
3.2.1 Angst und die depressiven Persönlichkeitsstrukturen

3.3 Zwanghafte Persönlichkeitsstruktur
3.3.1 Angst und die zwanghaften Persönlichkeitsstrukturen

3.4 Hysterische Personlichkeitsstruktur
3.4.1 Angst und die hysterischen Persönlichkeitsstrukturen

4. Der Umgang mit der Angst in der Gestalttherapie (Perls)

5. Angstüberwindung

6. Epilog

7. Literatur

 

1. Eine Lebensgeschichte (Anonymus) als Beispiel

,,Wenn ich alle die Gefühle und ihren qualvollen Widerstreit auf ein Grundgefühl zurückführen und mit einem einzigen Namen bezeichnen sollte, so wüsste ich kein anderes Wort als: Angst. Angst war es, Angst und Unsicherheit, was ich in allen jenen Stunden des gestörten Kinderglücks empfand: Angst vor Strafe, Angst vor dem eigenen Gewissen, Angst vor Regungen meiner Seele, die ich als verboten und verbrecherisch empfand." Hermann Hesse

"Meine Angst hat Geschichte. Tief sitzt noch die Angst vor meinem Vater, seinem Jähzorn, seiner Gewalttätigkeit. Als Kind konnte ich mich dagegen nicht wehren, kroch vor lauter Angst unter den Tisch. Als ich verdächtigt wurde, bei einem Bauern Eier gestohlen zu haben, log ich natürlich aus Angst vor der Prügel meines Vaters. Und meine Eltern fühlten sich bestätigt: ihr Sohn war ein ehrlicher Junge. Panische Angst bekam ich, wenn meine Eltern sich stritten. Ich schwor mir, nie so zu werden wie sie und suchte vor allem die Harmonie. Sie fand ich zunächst draußen in der Natur, in den Wäldern und Wiesen der dörflichen Umgebung.

Erst mit 13 Jahren hatte ich mein eigenes Zimmer. Endlich konnte ich mich aus der oft so beängstigenden Enge mit den Eltern zurückziehen. Ich erlebte viel Angst in der Schule. Es gab noch Schläge, von den Lehrern und manchen Schülern. Dann schaffte ich im Gymnasium die dritte Klasse nicht und fiel durch. Diese Schande wollte ich nicht wiederholen. Mit dieser Motivation schaffte ich Abi und Studium. Meine erste große Liebe fand ich mit 18. Doch sie wollte sterben, schnitt sich die Pulsader auf, schluckte Schlaftabletten. Ich litt und konnte sie nicht verstehen.

Mit 26 Jahren zog ich von zu Hause aus und wohnte zusammen mit einer Freundin. Ich erlebte mit ihr meine erste intensive lang-jährige Beziehung, mit Höhen und Tiefen fast 10 Jahre lang. Bis plötzlich der Bruch kam und meine große Lebenskrise, verbunden mit wahnsinniger Angst. Ich konnte sie lange Zeit gut wegstecken. Bis sie immer übermächtiger wurde und ich aus Angst vor Wespen sogar keinen Kuchen mehr aß. Oder ich bekam neben ihr im Auto solche Angstzustände, dass ich Symptome hatte wie bei einem Herzinfarkt. Ich war wie gelähmt, bekam keine Luft mehr, meine Brust und mein Herz zogen sich zusammen. Dann gab es für mich nur noch eins: schnell anhalten, aussteigen, Luft holen, bewegen .... So konnte sich die Verkrampfung, meine Enge in der Brust wieder lösen. Doch nur für kurze Zeit. Unberechenbar kam sie wieder und wieder, diese Angst, packte und überschwemmte mich.

1. Eine Lebensgeschichte (Anonymus) als Beispiel ,,Wenn ich alle die Gefühle und ihren qualvollen Widerstreit auf ein Grundgefühl zurückführen und mit einem einzigen Namen bezeichnen sollte, so wüsste ich kein anderes Wort als: Angst. Angst war es, Angst und Unsicherheit, was ich in allen jenen Stunden des gestörten Kinderglücks empfand: Angst vor Strafe, Angst vor dem eigenen Gewissen, Angst vor Regungen meiner Seele, die ich als verboten und verbrecherisch empfand." Hermann Hesse "Meine Angst hat Geschichte. Tief sitzt noch die Angst vor meinem Vater, seinem Jähzorn, seiner Gewalttätigkeit. Als Kind konnte ich mich dagegen nicht wehren, kroch vor lauter Angst unter den Tisch. Als ich verdächtigt wurde, bei einem Bauern Eier gestohlen zu haben, log ich natürlich aus Angst vor der Prügel meines Vaters. Und meine Eltern fühlten sich bestätigt: ihr Sohn war ein ehrlicher Junge. Panische Angst bekam ich, wenn meine Eltern sich stritten. Ich schwor mir, nie so zu werden wie sie und suchte vor allem die Harmonie. Sie fand ich zunächst draußen in der Natur, in den Wäldern und Wiesen der dörflichen Umgebung. Erst mit 13 Jahren hatte ich mein eigenes Zimmer. Endlich konnte ich mich aus der oft so beängstigenden Enge mit den Eltern zurückziehen. Ich erlebte viel Angst in der Schule. Es gab noch Schläge, von den Lehrern und manchen Schülern. Dann schaffte ich im Gymnasium die dritte Klasse nicht und fiel durch. Diese Schande wollte ich nicht wiederholen. Mit dieser Motivation schaffte ich Abi und Studium. Meine erste große Liebe fand ich mit 18. Doch sie wollte sterben, schnitt sich die Pulsader auf, schluckte Schlaftabletten. Ich litt und konnte sie nicht verstehen. Mit 26 Jahren zog ich von zu Hause aus und wohnte zusammen mit einer Freundin. Ich erlebte mit ihr meine erste intensive lang-jährige Beziehung, mit Höhen und Tiefen fast 10 Jahre lang. Bis plötzlich der Bruch kam und meine große Lebenskrise, verbunden mit wahnsinniger Angst. Ich konnte sie lange Zeit gut wegstecken. Bis sie immer übermächtiger wurde und ich aus Angst vor Wespen sogar keinen Kuchen mehr aß. Oder ich bekam neben ihr im Auto solche Angstzustände, dass ich Symptome hatte wie bei einem Herzinfarkt. Ich war wie gelähmt, bekam keine Luft mehr, meine Brust und mein Herz zogen sich zusammen. Dann gab es für mich nur noch eins: schnell anhalten, aussteigen, Luft holen, bewegen .... So konnte sich die Verkrampfung, meine Enge in der Brust wieder lösen. Doch nur für kurze Zeit. Unberechenbar kam sie wieder und wieder, diese Angst, packte und überschwemmte mich. Ich begann damals eine Therapie, eine knapp zweijährige Analyse. Sie half mir dabei, einen Weg aus der Sackgasse unserer Beziehung zu finden. Endlich traute ich mich, meine mich lähmende Angst vor der Trennung zu überwinden und ein selbständiges Leben anzufangen. Selbst Wäsche zu waschen, selbst zu kochen. Das klingt einfach und war doch so schwer. Ich spürte die Leere in der früher gemeinsamen Wohnung und fühlte mich einsam, kein Austausch mehr, keine Nähe. Schließlich brach ich meine ,,Zelte" in D. auch beruflich ab, suchte einen völlig neuen Anfang. Trotz meiner Insektenangst startete ich eine anderthalbjährige Reise um die Erde, von Afrika bis Asien, um einmal über meinen ,,Tellerrand" hinauszusehen. Unterwegs in der Fremde erlebte ich, wie meine Ängste verblassten und ich wieder zu mir, zu meinen inneren Kräften fand."

 

2. Die Analyse der Angst durch Freud, Reich und Jung.

,,Nur ja keine Psychologie, denn diese Ausschweifung könnte zur Selbsterkenntnis führen! Dann schon lieber Kriege, an denen der andere Schuld ist ....,, C.G. Jung

 

2.1 Freud: Das Leben ist nicht leicht!

Wie entstehen unsere Ängste? Wir gehen zurück zur Vaterfigur der Psychoanalyse, suchen optimistisch eine Antwort bei Freud und werden enttäuscht. Er kann sie uns nicht schlüssig erklären und gesteht ein: ,,Angst ist nicht einfach zu erfassen. Bisher haben wir nichts erreicht als Widersprüche." In seiner ersten Theorie (1895) geht er noch davon aus, dass Angst durch aufgestaute sexuelle Spannung entsteht, gewissermaßen durch toxisch wirkende Sexualstoffe. Nach Jahrzehnten, inzwischen 70-jährig, gibt er diese somatisch-biologische Auffassung auf und entwickelt eine zweite, psychologische Angsttheorie in seinem Werk ,,Hemmung, Symptom und Angst" (1926). Für Freud ist Angst eine Empfindung, ein Affekt, voller Unlustgefühle und mit bestimmten Körperreaktionen, z.B. von Atmung und Herz. Dies beweist ihm, dass bei der Angst motorische Äußerungen mitspielen. Hinter der Angst steht eine Steigerung der Erregung. Die Intensität ist je nach Gefahr geringer oder größer. Das Ich, als Stätte der Angst, reagiert damit auf eine von außen nahende Aufgabe bzw. Gefahr. Fühlt das Ich sich unfähig, auf die Aufgabe entsprechend zu reagieren, entsteht Angst.

Eine Neurose entsteht dagegen durch die Unfähigkeit, die von innen kommende (Sexual-)Erregung auszugleichen. Neurotische Angst ist also die Furcht vor einer Triebgefahr, vor einem Triebdurchbruch oder vor dem Es. Sie ist verbunden mit der Angst vor dem Über-Ich, und nach Freud, vor der Strafe durch Kastration. Das Ich wehrt sich mit Hilfe der Angstreaktion gegen die von innen kommende Triebgefahr und projiziert seine Angst auf eine äußere Gefahr, z.B. auf Tiere bei einer Phobie.

Phobien haben für Freud den Charakter einer Projektion. Bekommt demnach das Ich Angst vor einem Triebdurchbruch, also vor dem Es, mit gleichzeitiger Angst vor dem Über-Ich (Strafe durch Kastration) wird diese innere Gefahr durch eine äußere Gefahr, z.B. Insekten ersetzt. Freud: ,,Das bringt den Vorteil, dass man sich gegen die äußere Gefahr durch Flucht und Vermeidung der Wahrnehmung schützen kann, während gegen die Gefahr von innen keine Flucht nützt." Unsere Angstzustände sind für Freud letztlich die Folge des ursprünglichen Angsterlebnisses der Geburt, sozusagen eine Wiederholung des Geburtstraumas und der dabei entstandenen Urangst. Im Verlauf der weiteren Entwicklung des Säuglings verschiebt sich dann die Wahrnehmung von Gefahr und Angst. So erlebt z.B. ein Säugling das Fehlen der Mutter als Angstsignal. Angst entsteht hier aufgrund der erlebten eigenen psychischen Hilflosigkeit. Denn der Säugling ist gegen das Anwachsen seiner Bedürfnisspannung ohnmächtig. Er erlebt diese Gefahr als Angst und nach Freud analog zu seinem Geburtserlebnis.

In der späteren phallischen Phase wandelt sich diese Angst. Sie tritt jetzt als Kastrationsangst (Penisneid) auf. Mit der weiteren Entwicklung des Kindes und seines Über-Ichs als introjizierter Elterninstanz wandelt sich dann die Kastrationsangst zur unbestimmten sozialen Angst oder zur Gewissensangst. Das Ich muss jetzt lernen, unvereinbare Ansprüche und Forderungen in Einklang zu bringen. Die Anforderungen der Außenwelt, die triebhaften Wünsche des Es und das bei Nichteinhaltung der Normen mit Schuldgefühl und schlechtem Gewissen drohende Über-Ich. Dies formuliert Freud treffend in einem Vortrag:

,,So vom Es getrieben, vom Über-Ich eingeengt, von der Realität zurückgestoßen, ringt das Ich um die Bewältigung seiner ökonomischen Aufgabe, die Harmonie unter den Kräften und Einflüssen herzustellen, die in ihm und auf es wirken, und wir verstehen, warum wir so oft den Ausruf nicht unterdrücken können: das Leben ist nicht leicht! Wenn das Ich seine Schwäche einbekennen muss, bricht es in Angst aus, Realangst vor der Außenwelt, Gewissensangst vor dem Über-Ich, neurotische Angst vor der Stärke der Leidenschaften im Es."

In einer weiteren Phase schließlich wandelt sich für Freud diese Angst vor dem Über-Ich in Todes-(Lebens-)Angst.

Nach dieser mühsamen Beschäftigung mit Freuds umständlich formulierter Angsttheorie noch ein kurzer Kommentar. Freuds einseitige Fixierung auf Libido bzw. Sexualtrieb und Kastration hat seiner Theorie sehr geschadet. Viele Therapeuten haben sich deshalb von ihm distanziert. Trotz aller Kritik finden sich bei Freud grundlegende Einsichten in das Wesen der Angst, besonders seine Beschreibung der neurotischen Angst und der Phobie sind aufschlussreich.

 

2.2 Reich: Aufgestaute Erregung

Reich versucht die Angst bio-elektrisch weiter zu untersuchen. Er unterscheidet als Formen der Angst die Realangst im Außen, die neurotische Angst im Innen und die Stauungsangst als Ausdruck einer unerledigten Erregungsspannung.

Für Reich ist die neurotische Angst ,,die Reaktion des Ichs auf einen unbewusst wahrgenommenen, drängenden und gleichzeitig verpönten Triebanspruch." Wenn ein innerer (An-)Trieb als Gefahr empfunden wird, weil das Ich sich bedroht fühlt, wehrt das Ich sich gegen diesen (An-) Trieb.

Stauungsangst entsteht, wenn die im Innern wahrgenommene Erregung oder deren motorische Entladung als nach außen dringender Impuls, nicht zugelassen wird. Bei dieser Form der Angst ist also eine äußere oder innere Gefährdung gar nicht notwendig.

Ebenso wie Freud hat auch Reich Schwierigkeiten mit der Beobachtung, dass Angst sowohl Folge einer Hemmung als auch Ursache einer Hemmung sein kann. Im Gegensatz zu Freud, der nur die Entweder-oder-Position vertritt, erkennt er, dass beides gleichzeitig gilt. So kann schon die Erwartung einer Angstsituation, z.B. beim Onanieren dazu führen, dass ein (An-)Trieb unterdrückt bzw. verdrängt wird. Dann entsteht als Folge dieser Hemmung Angst als Erwartungsangst. Durch ständige Unterdrückung eines (An-)Triebes summiert sich für Reich diese Erwartungsangst und die angestaute sexuelle Energie. Dieses ständige Erlebnis der Angst verfestigt bzw. fixiert schließlich die Triebverdrängung und wird somit zur Ursache einer Hemmung. Angst entsteht nicht nur real, sondern kann allein durch lebhafte Vorstellung einer Gefahrsituation geweckt werden. Jedes affektive Angsterleben ist nach Reich gekennzeichnet durch aufgestaute Erregung. Dabei macht er die Beobachtung: ,,Im Angstzustand treten körperliche Symptome auf, die denen bei sexueller Erregung gerade entgegengesetzt sind."

 

2.3 Jung: Licht des Bewusstseins

Bei Jung findet sich zwar keine Analyse der Angst, dafür aber beeindruckende Gedankenbilder, welche die existentiellen Gefahren und Ängste auch unserer heutigen Kultur treffend beschreiben. Er stellt fest: ,,Seitdem ... unsere höchsten Symbole verblasst sind, herrscht geheimes Leben im Unbewussten. Deshalb haben wir heutzutage eine Psychologie, und deshalb reden wir vom Unbewussten." Die Symbole unserer Kultur sind altersschwach geworden. Die seit Urzeit errichteten Mauern stürzen ein. Die Wasser steigen höher. Das dunkle Meer des Unbewussten bricht herein und das Licht des Bewusstseins erlischt. Für Jung steht die Menschheit am Rande einer Katastrophe und noch an der Grenze jener Dinge, die sie selber tut und doch nicht beherrscht. Oder anders ausgedrückt: Im Bewusstsein meinen wir zwar, unsere eigenen Herren zu sein. Wenn wir aber durch das Tor des Schattens schreiten, so bemerken wir mit Schrecken, dass wir nur Objekte sind. Diese Entdeckung unserer Unzulänglichkeit enttäuscht uns umso mehr, als wir ängstlich den Glauben an die Vorherrschaft des Bewusstseins hüten.

Für Jung sind die Fortschritte unserer Kultur letztlich fragwürdig:

,,Man ist von keiner Angst erlöst, ein finsterer Alpdruck liegt auf der Welt. Die Vernunft hat bis jetzt kläglich versagt, und gerade das, was alle vermeiden wollen, geschieht in schauerlicher Progression. Gewaltiges an Nützlichem hat sich der Mensch errungen, dafür aber hat er auch den Abgrund der Welt aufgerissen, und wo wird er, wo kann er noch haltmachen?"

Jung sieht die größte Gefahr, die uns bedroht, in der Unabsehbarkeit der psychischen Reaktion. Denn dem so genannten vernünftigen menschlichen Geist ist seine Dämonie, sein Schatten unbewusst. ,,Nur ja keine Psychologie, denn diese Ausschweifung könnte zur Selbsterkenntnis führen! Dann schon lieber Kriege, an denen jeweils der andere schuld ist, und keiner sieht, dass alle Welt besessen ist, das zu tun, was man flieht und fürchtet." Für Jung ist es daher höchste Zeit, dem Menschen seine Unbewusstheit zu entreißen.

Ergänzend: Noch eine abschließende Bemerkung. Uns scheint die Beschäftigung und Auseinandersetzung mit diesen Vaterfiguren der Psychologie wichtig, deshalb haben wir ihnen so viel Raum gegeben.

 

3. Die Grundformen der Angst bei Riemann

,,Das Zusammentreffen unserer Anlage mit der Umwelt ... macht das aus, was wir Schicksal nennen." Fritz Riemann

Zustände der Angst kennen wir alle aus eigenem Erleben. Jeder von uns hat seine persönlichen Erfahrungen mit Angst, seine Art mit Ängsten umzugehen, sie einfach zu verdrängen oder auf andere Objekte zu verschieben. Die Angst in unserem Leben kann uns lähmen oder auch aktivieren. Sie ist wie eine Grenze und ihre Überwindung macht uns reifer, selbst-bewusster. Angst ist insofern für unsere Weiterentwicklung wichtig. Es gibt eine Fülle von Ängsten und praktisch können wir vor allem Angst entwickeln. Selbst wenn von außen keine Gefahr droht, können wir trotzdem Angst bekommen. Angst vor den Impulsen in unserem Innern. Riemann unterscheidet hier vier eigentliche Angstauslöser, vier Grundformen der Angst, auf die sich alle möglichen Ängste zurückführen lassen. Er überträgt dabei die Gesetzmäßigkeit der kosmischen Kräfte unseres Sonnensystems auf uns Menschen: ,,Nach dieser kosmischen Analogie sind wir vier grundlegenden Forderungen ausgesetzt, die wir als einander widersprechende, doch zugleich sich ergänzende Strebungen in uns wieder finden." Das Überwertigwerden bzw. einseitige Akzentuieren (oder andererseits das Aufgeben) einer dieser vier grundlegenden Strebungen oder Impulse führt zu vier Persönlichkeitsstrukturen:

 

3.1 Schizoide Persönlichkeitsstruktur

Forderung (entsprechend der Rotation, der Eigendrehung der Erde):

Ein einmaliges Individuum werden. Daraus resultiert die Angst vor der Selbsthingabe, die als Ich-Verlust und Abhängigkeit im Kontakt erlebt wird.

 
3.1.1 Angst und die schizoiden Persönlichkeitsstrukturen

Unsere westliche Zivilisation wirkt sich schizoidisierend aus:

durch immer weniger Geborgenheit, die Überfülle an Reizen und das Gefühl existentieller Bedrohtheit. Andererseits durch die Verkümmerung des Gemüthaften, Emotionalen.

Die wesentlichen Charaktermerkmale:

  • Überwertige Ich-Abgrenzung, Selbstbezogenheit, Narzissmus
  • Unabhängigkeit und Autarkie sind überbetont
  • kühles, distanziertes, unpersönliches Verhalten (als glatte Fassade) und scharfe Beobachtungsgabe
  • denkorientiert statt gefühlshaft
  • Unsicherheit im Umgang mit anderen Menschen, durch Misstrauen und Zweifel
  • Kontaktvermeidung als Schutz vor den eigenen Ängsten

Mögliche lebensgeschichtliche Schädigungen und Erlebnislücken (bereits in der Frühstphase)

  • Unregelmäßige Bezugspersonen
  • Mangel an Geborgenheit, Zärtlichkeit und Verständnis schon in der Frühstzeit
  • Alleinsein bei wichtigen Entwicklungsschritten
  • Zu wenig Kontakt und gemeinsames Erleben mit Gleichaltrigen
  • Lücken im Umgang mit anderen Menschen
  • Fehlender Austausch von Gefühlen

Daraus resultierende Ängste in Bezug auf Wahrnehmung und Kontakt.

Die Schizoiden Misstrauen ihrer eigenen Wahrnehmung und sind daher zutiefst unsicher im Umgang mit ihren Mitmenschen. Sie wissen nie genau, ob das, was sie fühlen, denken, wahrnehmen nur in ihnen selbst, ihrer Vorstellung existiert oder auch draußen in Wirklichkeit. Sie verwechseln innen und außen. Ihre Projektion halten sie für die Wirklichkeit. Gleichzeitig schwanken sie zwischen Selbst-Überschätzung und Minderwertigkeitsgefühl. Wegen des Mangels an Kontakt können sie ihre Unsicherheiten nicht korrigieren. Es fehlen ihnen Vergleiche und Zwischentöne mitmenschlichen Verhaltens. Im Emotionalen sind sie oft zurückgeblieben und verkümmert, ohne Spontaneität. Sie streben von Gefühlen losgelöste rationale Erkenntnis an. Die Sexualität spalten sie von ihren Gefühlen ab. Ihre Sehnsucht nach Nähe und Austausch können sie nicht zugeben bzw. zeigen. Ihre Persönlichkeit ist durch den Verlust der Mitte charakterisiert. Ihre unbewältigten Ängste äußern sich körperlich in Symptomen der Sinnesorgane, den Organen des Kontaktes und Austausches: Haut (z.B. Schweiß, Ekzeme), Atmung (Z.B. Asthma).

Schon einfachste Kontakte machen ihnen Angst und werden zum Problem. Sie meiden Austausch, Nähe und Hingabe. Distanzüberschreitung empfinden sie als Bedrohung. Dann werden sie plötzlich unerwartet schroff und aggressiv, brechen den Kontakt ab, ziehen sich schnell zurück. Sie wollen niemanden zu nahe an sich heran lassen, aus Angst vor Zuneigung und den Gefühlsansprüchen des Partners. Mit dem tieferen Sicheinlassen in Beziehungen fürchten sie Abhängigkeiten und Bindungen. Deshalb tauschen sie Beziehungen leicht miteinander aus oder lassen sich nur auf sexuelle Beziehungen ein, indem sie die Sexualität gleichsam vom Gefühlserleben abspalten. Sie versuchen möglichst allein auszukommen, so über Selbstbefriedigung oder mittels Ersatzobjekten (z.B. Fetischismus). Am liebsten möchten sie Beziehungen versachlichen. In Gruppen wollen sie anonym bleiben und sich nicht preisgeben. Zwischen sich und der Umwelt spüren sie eine breite Kontaktlücke. Für ihre Weiterentwicklung fehlen ihnen korrigierende Erfahrungen des Kontakts. Für Schizoide ist daher eine Partnerschaft als Gegenpol wichtig, sie kann ihnen helfen, ihre Ich-Begrenzung durch gemeinsames Erleben zu erweitern.

 

3.2 Depressive Persönlichkeitsstruktur

Forderung (entsprechend der Revolution, der Umkreisung der Sonne):

Uns der Welt, dem Leben und den Mitmenschen vertrauend öffnen: Daraus resultiert die Angst vor der Selbstwerdung, die als Ungeborgenheit, Trennung und Einsamkeit erlebt wird.

 
3.2.1 Angst und die depressiven Persönlichkeitsstrukturen

Die wesentlichen Charaktermerkmale:

  • Fehlende Ich-Stärke und überwertige Du-Bezogenheit.
  • Abhängigkeit und Verlustangst dominieren in der Partnerschaft (als Teufelskreis).
  • Verzicht auf Eigensein, Individuation: sie wagen nicht, das, was in ihnen ist, zu leben.
  • Sie können nicht ,,nein" sagen, daher Selbstüberforderung durch zu viel Anpassung: sie werden so zum gefügigen Objekt anderer.
  • Passive Erwartungshaltung ans Leben. Bei Nichterfüllung ihrer Wünsche schnelle Resignation, Müdigkeit und Teilnahmslosigkeit
  • Andererseits Fähigkeit zu einfühlender Identifikation, Hingabe und Liebe.
  • Mögliche lebensgeschichtliche Schädigungen und Erlebnislücken (in der Phase bis zum 2. Lebensjahr)

  • Störungen in der Mutter-Beziehung ersticken die Entwicklung von Eigenimpulsen:
    • Durch Verwöhnung: Z.B. durch Festhalten und Kleinhalten bei einer gluckenhaften Mutter. Oder eine nicht vollzogene Alters entsprechende Ablösung von der Mutter. So sind sie später den Härten des Lebens nicht gewachsen.
    • Durch Versagung: Sie sind gewöhnt, auf die eigenen Ansprüche zu verzichten und bemüht, die Erwartungen anderer zu erfüllen.
  • Durch das Anerziehen von Schuldgefühlen entstehen schwere Minderwertigkeitsgefühle und Zweifel an der eigenen Existenzberechtigung.
  • Auch das Nicht-äußern-dürfen negativer Gefühle: Sie haben von früh an nicht den Umgang mit ihren Aggressionen gelernt.

Daraus resultierende Ängste in Bezug auf Wahrnehmung und Kontakt.

Die depressiven Persönlichkeiten haben Angst, ein eigenständiges Ich zu werden und aus der Geborgenheit herauszufallen. Sie suchen Sicherheit durch Abhängigkeit. Anderssein nehmen sie als trennend wahr. Das Bedürfnis nach Distanz beim Partner erleben sie als mangelnde Zuneigung. Sie idealisieren andere Menschen, übersehen deren dunkle Seiten. Sie haben ein geringes Selbstwertgefühl und eine pessimistische Erwartungshaltung ans Lebens. Sie erleben Berge von Forderungen, die sie verzweifelt erfüllen müssen und kommen damit in enorme Zeitängste. Sie haben übertriebene Angst vor den möglichen Folgen einer geäußerten Aggression. So stauen sich ihre Aggressionen innerlich auf und finden kein Ventil nach außen. Als Selbsthass, Selbstbestrafung und Selbstzerstörung richten sie sich dann nach innen. Ihre unbewältigten Ängste äußern sich körperlich in Symptomen des Aufnahmetraktes (Rachen, Speiseröhre, Magen usw.), der für das Nehmen und Fordern steht, oder durch Störungen beim Essen oder Trinken (Fett- und Magersucht).

Depressive können nicht genug Nähe bekommen. Sie haben Angst vor trennender Distanz. Daher versuchen sie, andere Menschen fest an sich zu binden, sie abhängig zu machen. Auseinandersetzungen und Konflikten gehen sie aus dem Weg. Ihr Streben ist Harmonie. Depressive äußern ihre Wünsche nur unklar und unbestimmt. Sie können nicht fordern, nicht gesund aggressiv sein. Sie realisieren nicht, wann sie aggressiv sein können und nehmen opferbereit alle Forderungen auf sich. Ihre Überanpassung geht bis hin zur Selbstaufgabe.

In Beziehungen können Depressive sich völlig mit dem Partner identifizieren: Sie denken und fühlen dann wie er, gehen ganz im Partner auf. In dieser Symbiose (als Verschmelzung zwischen Ich und Du) gestatten sie weder sich selbst noch dem Partner eine eigene Entwicklung. Oder sie versuchen, ihren Partner über Schuldgefühle zu binden durch Überbesorgtheit oder Krankheit.

Mögliche Gesundungsansätze: Die Grenze ihrer Anpassungsfähigkeit und Verzichtsbereitschaft durch ihre dauernde Überforderung erkennen. Nein sagen lernen. Sich ohne Schuldgefühle und Angst vom Leben das Gewünschte nehmen. Den Teufelskreis von Abhängigkeit und Verlust-Angst durch das Wagnis der Ich-Werdung durchbrechen.

 

3.3 Zwanghafte Persönlichkeitsstruktur

Forderung (entsprechend dem Zentripetalen, der Schwerkraft):

Die Dauer anstreben: Daraus resultiert die Angst vor der Handlung bzw. Veränderung, die als Vergänglichkeit und Unsicherheit erlebt wird.

 
3.3 Zwanghafte Persönlichkeitsstruktur

Die wesentlichen Charaktermerkmale:

  • Zu einseitig betontes Bedürfnis nach Dauer und Sicherheit.
  • Angst vor Wandlung und Vergänglichkeit.
  • Alles wird vorausberechenbar festgelegt, pedantisch geordnet und nach Schemata und Regeln gelebt.
  • Zwanghafte möchten alle und alles dazu zwingen, wie es ihrer Meinung nach sein sollte (als Machtbedürfnis).
  • Sie unterdrücken ihre lebendigen Impulse und verdrängen ihre Aggressionen.
  • Sie stehen unter dem Zwang, etwas in einer bestimmten Form tun zu müssen, auch wenn es unsinnig ist (z.B. beim Putzzwang).
  • Kennzeichnend für sie sind Machttrieb, Pedanterie und Starre, übermäßige Korrektheit (als versteckte Aggression) und Perfektionismus.

Mögliche lebensgeschichtliche Schädigungen und Erlebnislücken (in der Phase 2. bis 4. Lebensjahr)

  • Durch eine zu starre autoritäre Erziehung, die unbedingten Gehorsam fordert und jedes kleine Vergehen übermäßig bestraft.
  • Durch die Kindheitserfahrung, dass etwas nur in einer bestimmten Weise getan werden darf. Das Kind lernt so ,,das absolut richtige von seinen ,,unfehlbaren Eltern". Es entwickelt dann aus Angst vor Strafe seinen Hang zum Perfektionismus.
  • Aus Angst vor Liebesentzug unterdrückt das Kind Wut, Hass, Trotz und Feindseligkeit. Durch diese überwertige Selbstkontrolle entsteht Gehemmtheit.
  • Das Kind hat zu wenig Spiel-Raum, um seine Eigenstruktur zu entwickeln. Altersentsprechende Trotzhaltungen (als der Eigenwille des Kindes) werden von der Erziehung gebrochen. Z.B. durch Dressur bei der Sauberkeitserziehung.

Daraus resultierende Ängste in Bezug auf Wahrnehmung und Kontakt.

Die zwanghaften Persönlichkeiten haben Angst vor neuen Erfahrungen. Sie halten starr an ihren gewohnten Einstellungen fest. Alles, was zu Ende geht, erinnert sie letztlich an ihre Angst vor dem Tod. Durch ihr Zwingenwollen werden sie zu Gezwungenen. Vor lauter Absicherung und Vorbereitung kommen sie nicht zum eigentlichen Leben. Sie zögern, zweifeln und sind entscheidungsunfreudig. Vors Erleben schieben sie eine gut gekonnte Rationalisierung. Aus Angst vor dem Risiko, vor unbekümmerter Spontaneität. Sie kontrollieren sich dauernd, nehmen sich zusammen, wehren sich innerlich gegen die beunruhigenden ,,bösen" Gedanken. Durch ihre aufgestauten Affekte entwickeln sie als Zwangssymptom ihr ,,inneres Müssen" (z.B. beim Waschzwang, Sauberkeitszwang). Damit verschieben sie ihr eigentliches Problem und entziehen sich der Auseinandersetzung. Indem sie ihr Verdrängtes auf stauen, entsteht wachsender Innendruck mit gleichzeitiger Angst vor dem Durchbruch des Unterdrückten. Sie erleben den für sie unlösbaren Konflikt zwischen aggressiv sein wollen und nicht dürfen. Aggressionsäußerungen lösen bei ihnen sofort Schuldgefühle aus und werden schnell wieder zurückgenommen. Ihre unbewältigten Ängste äußern sich körperlich in Herz- und Kreislaufstörungen, Kopfschmerzen und Migräne, Schlafstörungen und Darmkoliken als Folge zu lange unterdrückter Aggression.

Zwanghafte Persönlichkeiten versachlichen und neutralisieren ihre Beziehungen. Sie haben Angst vor lebendigem Austausch und sind kaum emotional oder spontan. Sie wollen den Partner nach ihrem Willen formen und können sein Anderssein nur schwer akzeptieren. Sie pochen auf Prinzipien, als Deckmantel für ihre Machtansprüche, und können in Auseinandersetzungen nur schwer nachgeben. Sexualität ist für sie eher eine eingeplante Pflichtübung, aus Mangel an Einfühlung und erotischer Fantasie. Häufig trennen sie scharf zwischen ,,sauberer" Liebe und ,,schmutziger" Sexualität. Aus Angst vor Risiken sichern sie sich ab, indem sie alle negativen Möglichkeiten vorher durchdenken und rationalisieren, nur um sich nicht entscheiden oder handeln zu müssen. Sie haben sich in der Hand, sind unnatürlich selbstbeherrscht, motorisch aber unsicher und gehemmt. Ihre unterdrückten Aggressionen äußern sich entweder unbewusst, so z.B. beim versehentlichen Anrempeln oder durch Unentschlossenheit, Trödeln, umständliche Erklärungen, pausenloses Reden, Nörgeln, unangreifbare Zurückhaltung, Schweigen. Oder sie üben durch Überkorrektheit ihre Aggression aus, z.B. als Polizist unter dem Deckmantel des Gesetzes. Dadurch fühlen sie sich für ihre Aggressionen nicht verantwortlich. Mögliche Gesundungsansätze Bewusst machen der Zwänge und ihrer Hintergründe. Die gefürchteten lebendigen Impulse zulassen und integrieren. Das Annehmen der Vergänglichkeit wagen, lernen loszulassen, geschehen lassen, nachzugeben.

 

3.4 Hysterische Personlichkeitsstruktur

Forderung (entsprechend dem Zentrifugalen, der Fliehkraft):

Immer bereit sein, sich zu wandeln, zu verändern. Daraus resultiert die Angst vor der Notwendigkeit, die als Endgültigkeit und Unfreiheit erlebt wird.

Zu jeder Strebung gehört für Riemann die Angst vor der Gegenstrebung. Zwischen diesen ,,antinomischen Impulsen" suchen wir beständig unser inneres Gleichgewicht. Dabei können wir nach Riemann keinen der vier Grundimpulse einfach auslassen und vor der ihm entsprechenden Angst ausweichen, ohne Schaden zu nehmen.

Unsere Ängste haben eine Lebensgeschichte. Wir haben in unserer Kindheit bereits gelernt, mit Ängsten umzugehen. Oder wir haben Schädigungen und Erlebnislücken davongetragen, weil wir Ängste nicht verarbeiten konnten. Insofern ist unsere Angstintensität abhängig von den Anlagen, die wir mitbringen, aber auch von den Umweltbedingungen, in denen wir leben. Nachfolgend wird versucht, die vier verschiedenen Charakterstrukturen von Riemann im wesentlichen zusammenzufassen.

 
3.4.1 Angst und die hysterischen Persönlichkeitsstrukturen

Die wesentlichen Charaktermerkmale:

  • Angst vor dem Endgültigen, dem Festgelegtsein, der Begrenztheit, den Einschränkungen (als Spiegelbild der zwanghaften Angst).
  • Angst vor den begrenzenden Seiten des Lebens, vor der Wirklichkeit, die wir ,,Realität" nennen.
  • Überwertiges Streben nach Veränderung und Freiheit: Sich wandeln, weiten und reifen (eine neue Seite im Leben aufschlagen).
  • Immer auf der Suche nach neuen Reizen (z.B. ferne Länder).
  • Nur die Gegenwart, das Leben im Augenblick ist wichtig.
  • Hysterische Menschen sind narzisstisch, haben ihren Charme und ihre eigene unfassbare ,,Logik".
  • Sie brauchen übertriebene Bestätigung und Bewunderung.
  • Hysterische Menschen leben in einer Pseudorealität mit falschen Lebenserwartungen. Ihre illusionären Wunschvorstellungen sind der Grund für ihre Enttäuschungen. Schuld wird vergessen, geleugnet und nur nicht bei sich selbst gesucht. Projektion eigener Mängel und Schuldgefühle in andere, die dadurch zum Sündenbock oder Feind werden.
  • Ihr zentrales Problem ist ihre fehlende Echtheit, die nicht geglückte Identität mit sich selbst. Aus Angst haben sie bestimmte Reifungsschritte, die zum Erwachsenwerden gehören, nicht vollzogen.

Mögliche lebensgeschichtliche Schädigungen und Erlebnislücken (in der Phase 4. bis 6. Lebensjahr):

  • Mangel an gesunden Orientierungsmöglichkeiten durch entsprechende geschlechtsspezifische Vorbilder.
  • Erleben eines Milieus voller Widersprüche, das auf die ,,Realität" falsch vorbereitet: Das daheim Gelernte ist draußen untauglich.
  • Zu lange Bindung an die erste Bezugsperson, übermäßige Identifikation und ungeprüfte Übernahme ihrer Maßstäbe.
  • Eltern spielen eine ideale Ehe, gaukeln ihre Unfehlbarkeit vor. Daraus entsteht später das Wunschbild einer Idealehe.
  • Erfahrungen mit den Eltern werden auf spätere Partnerbeziehungen als Vor-Urteil übertragen, nach dem Motto: Sie begegnen immer wieder ihrer ersten Liebe. Entweder sie idealisieren ihr Eltern-Vorbild und erwarten den Traum-Mann, die Traum-Frau. Oder sie projizieren ihre Enttäuschungen, ihre Angst, ihren Hass auf die späteren Partner. So werden sie letztlich ihrem Partner nicht gerecht.
  • Das Kind wird von seinen Eltern überfordert und in eine Rolle gedrängt, die seinen Neigungen überhaupt nicht entspricht.
  • Gegen Unterdrückung und Unfreiheit entstehen als unbewusste Gegenreaktion hysterische Verhaltensweisen. So war z.B. für Frauen Hysterie oft die einzige Waffe, sich gegen die Macht und Besitzansprüche einer übermächtigen Männerwelt durchzusetzen. Gegenüber ihrem irrationalen, unlogischen Verhalten war der Mann mit seiner scheinbar überlegenen Ratio machtlos.

Daraus resultierende Ängste in Bezug auf Wahrnehmung und Kontakt.

Hysterische Persönlichkeiten haben Angst vor all dem, was sie begrenzt. Vor allem die so genannte Realität, z.B. die Abhängigkeit von bestimmten Konventionen, Spielregeln wird in Frage gestellt, nicht anerkannt. Sie leben in einer illusionären Scheinfreiheit, einer Pseudorealität. Durch ihre Vogel-Strauß-Politik wird die Kluft zwischen Wunschwelt und Wirklichkeit immer größer. Sie weichen vor den Konsequenzen ihrer Handlungen aus, vergessen Unangenehmes oder dichten es um und hoffen auf Wunder. Bedürfnisspannungen können sie nicht ertragen. Ihr Bedürfnis muss sofort befriedigt werden. Sie leben in der Illusion ewiger Jugend: ,,Man ist so alt wie man sich fühlt." Sorgen lassen sie nicht an sich heran. Sie entziehen sich durch ,,Nicht-Ertragen-Können" oder Krankheit. In ihrer Pseudologik sind sie kaum zu fassen. Ihnen ist ihre eigentliche Angst vor dem inneren Konflikt nicht bewusst. Sie wird verschoben auf nebensächliche, vermeidbare äußere Angstobjekte. Z.B. auf Platzangst, Angst in geschlossenen Räumen, Tierphobien. Dadurch dass hysterische Persönlichkeiten immer nur im Augenblick leben, so als gäbe es weder eine Vorgeschichte noch Folgen, entwickeln sie zu wenig Kontinuität in ihrem Leben. Ihr Charakter scheint schwer fassbar, eine Pseudo-Persönlichkeit ohne klare Konturen und persönliche Prägung. Zuletzt wissen sie nicht mehr, wer sie selbst sind.

Hysterische Persönlichkeiten haben ein starkes Kontaktbedürfnis. Sie brauchen Beziehungen, um ihr Selbstwertgefühl immer wieder zu bestätigen. Ihre unbestimmten Ängste beruhen auf einer Lebenslüge, einer Täuschung in ihrer Grundeinstellung. Sie fordern vom anderen mehr, als sie selbst zu geben bereit sind. Enttäuschungen lasten sie gewöhnlich dem Partner an. Sie können schwer eigene Fehler zugeben und projizieren eigene Mängel nach außen. Vorwürfe verwandeln sie sofort in Gegenvorwürfe, Kritik in Gegenkritik. Ihre Aggression äußert sich spontan, impulsiv, ,,unlogisch". Angriff ist für sie die beste Verteidigung, und so drehen sie den Spieß einfach um, ergreifen die Flucht nach vorn. Schon bei leichter Kritik reagieren sie tief gekränkt, neigen zu ,,Szenen". Verletzungen ihrer Eigenliebe lösen tiefste Hassgefühle aus, aus Angst vor dem Nicht-Liebenswert-Sein. Sie wollen im Mittelpunkt stehen und den anderen imponieren. Dabei ist jeder gleichgeschlechtliche Andere potentieller Rivale. In der Liebe sind sie überzeugt, unwiderstehlich zu sein. Sie lieben die Abwechslung, den Rausch und die Leidenschaft. Sie brauchen den Partner als Spiegel, in dem sie sich selbst wieder finden und lieben. Doch sie sind enttäuscht, weil sie nicht außen finden, was sie bei sich selbst realisieren müssen: echte Liebesfähigkeit, aus der ein echtes Selbstwertgefühl entsteht.

Mögliche Gesundungsansatze: Identität mit sich selbst suchen. Aus Enttäuschungen lernen und sich mit eigenem Verhalten konfrontieren. Nicht mehr vor der Realität ausweichen, sondern sie annehmen. Mit der Bereitschaft zur Selbsteinsicht ist eine Chance zum Nachreifen gegeben.

Diese vier Persönlichkeitsstrukturen und ihre Grundängste haben wir nach Riemann alle als Möglichkeit mehr oder weniger in uns. Dabei sind wir umso lebendiger, je mehr wir alle vier Persönlichkeiten in uns leben können. Wir müssen uns mit diesen vier grundlegenden Ängsten auseinandersetzen. Versuchen wir, ihnen auszuweichen, so entstehen aus dieser Fehlhaltung stellvertretend unsere banalen neurotischen Ängste. Sie sind ein Alarmzeichen dafür, dass etwas nicht stimmt, dass wir etwas vermeiden, unterdrücken. Angst zeigt uns, dass unsere innere Ordnung durch krankmachende Einseitigkeit gefährdet ist. Insofern hat Angst eine wichtige Funktion für unsere lebendige Entwicklung. Ein Ausweichen vor ihr lähmt und hemmt uns, verfestigt unsere Neurosen. Jede Überwindung macht uns stärker und befreit uns. Wenn wir erkennen, dass Angst uns auffordert, das Leben zu wagen, über unsere jeweilige Entwicklungsstufe hinauszugehen, dann kann sie positiver Anstoß sein für unser inneres Wachstum. Dann ist sie Wegweiser zu unserer ,,Ganzheit" und zu unserer Einmaligkeit.

Hierzu ein Traum:

Ich fahre mit dem Zug über einen Grat. Schaue in die Tiefe der Landschaft und hinauf zu dem Seil, das die Waggons miteinander verbindet. Es ist ein sehr dünner Strang wie elastisches Gummi. Ich fasse ihn an und plötzlich zieht sich das Gummi auseinander, trennt sich die Verbindung zwischen Lokomotive und Waggon. Bevor der Waggon stehen bleiben oder entgleisen kann, springe ich in einen Fluss neben den Gleisen. Zunächst halte ich mich an einem Ast, dann wird die Strömung des Flusses stärker. Es gibt gefährliche Strudel. Plötzlich taucht ein Baums Tann vor mir auf. Ich klettere hinauf. Er ist dick und trägt mich sicher. Die Häuser eines Ortes gleiten vorbei. Ich habe keine Angst mehr in diesem reißenden Fluss!

 

4. Der Umgang mit der Angst in der Gestalttherapie (Perls)

Perls unterscheidet zwischen Erschrecken, Furcht und Angst. Erschrecken ist für ihn gesunde Angst: ein Drosseln des Gefühls, um einer plötzlichen Gefahr zu begegnen. Furcht sieht er als vorausgesehene Gefahr. Angst ist schlicht ,,ein ganz einfacher psychosomatischer Vorgang: Angst ist das Erlebnis der Atemnot bei jeder blockierten Erregung."

Angst entsteht also, indem eine innere Erregung unterdrückt wird. Dabei ist Angst mit einer Störung der Atmung verbunden.

Im Kontaktprozess führt ein Abbruch in jedem Stadium zu Angst. Dadurch wird der ursprüngliche (An-)Trieb oder die Reaktion auf einen Umweltreiz gehemmt. Die Folge: Wir werden argwöhnisch gegenüber unserem ursprünglichen Verlangen. Wir versuchen es zu erdrücken, durch Ablenkungen, Anhalten des Atems, Zähne zusammenbeißen, Straffung der Bauchmuskeln usw. Jetzt wird unser Körper Figur, unser Selbst als motorisch aktives Absichts-Ich ist Grund. Unterdrücken wir noch weiter absichtlich unsere Erregung, dann geschieht vermutlich eine Verdrängung, die wir als Nicht-Gewahrsein erleben. Was uns in diesem Moment nach Perls fehlt, sind ,,Erregung, Wachstum und das Gefühl, lebendig zu sein." Wir haben der Angst vor der eigenen Courage nachgegeben und werden lustlos, atmungslos. Wir merken plötzlich, dass die Stimme, die wir nun innerlich hören, gar nicht die eigene ist. Sondern die introjizierte einer anderen Person, z.B. von Vater oder Mutter. Angst steigt auf, weil wir in diesem Augenblick unsere echte Identität, unser Verlangen und unsere Stimme abgewürgt haben. Als Quellen unserer Angst sieht Perls einmal die schmerzhafte steigende Erregung und andererseits die Furcht vor Ablehnung. Aus ihnen erklärt sich, warum wir uns an frühere Anpassungen so klammern. Diese alten Situationen sind noch unerledigt. Sie kehren immer wieder, weil wir unsere Aggressionen nicht nach außen gegen die Umwelt richten. So dauern sie als unterdrückte Erregung und als innere Spannung in der Neurose fort.

Die Neurose ist für Perls ein Zustand chronischer Angst und chronischer Frustration. Zwar werden wir in neuen Situationen versuchen, diese unterdrückte Erregung niederzuhalten, aber nach Perls ist es unmöglich. Wir können nur unsere Aufmerksamkeit von der inneren Spannung ablenken. Im Gegensatz zu Freud ist Perls überzeugt, dass wir die gehemmten (An-)Triebe nicht verdrängen, sondern höchstens sublimieren können. Als ,,Stiche im Gewahrsein", als fortdauernde Störungen beanspruchen sie weiter unsere Aufmerksamkeit, binden enorme Energien und verhindern Wachstum durch Kontaktvollzug, weil jedes Mal die Angst wächst, wenn die Erregung zu stark wird. Vergessen haben wir allerdings den Hintergrund für unsere angstauslösende Erregung: Die Situation, in der wir erstmals absichtlich unsere spontane Erregung gehemmt und unterdrückt haben. In der Neurose wird in dieser Situation zur Fixierung, der wir nicht mehr gewahr sind. Wir merken nicht mehr, wie wir uns selbst ständig im Würgegriff halten und eine vollständige Befriedigung unmöglich machen. Unsere beteiligten Bewegungs- und Wahrnehmungsorgane hören auf, aktive Ich-Funktionen zu sein. Sie werden zu Spannungszuständen des Körpers, die sich längerfristig in falschen Körperhaltungen auswirken.

Die Häufung frustrierender und angsterfüllter Erlebnisse in unserer Lebensgeschichte prägt unsere Persönlichkeit, unseren Charakter. Je nachdem, zu welchem Zeitpunkt wir die Erregung, den Kontakt unterbrechen, unterscheidet Perls die folgenden Charaktere neurotischen Verhaltens: Konfluenz, Introjektion, Projektion, Retroflexion und Egoismus. Er will uns damit nicht auf einen bestimmten Typ festlegen, sondern erkennt vielmehr an, dass wir vielmehr schöpferisch, lebendig, mit Übergang von Charakter zu Charakter, je nach Situation handeln. Solange wir im Fluss des Lebens bleiben. Entsprechende Situationen kennen wir aus unserem Erleben: Erst sind wir gut in Kontakt, dann sind wir plötzlich ängstlich. Anstatt uns weiter zu orientieren, fixieren wir die Situation. Denn im Augenblick der Angst sind wir außer Kontakt mit dem weiteren Verlauf der Situation.

Wir bleiben gleichsam stehen mit unserer Angst.

 

5. Angstüberwindung

Wie können wir jetzt zu unserer schöpferischen Anpassung zurückfinden? Und auch trotz Angst noch in Kontakt bleiben. Nur dann, wenn wir den Sprung ins Unbekannte riskieren und bereit sind, unseren unterdrückten Impuls zu bejahen. Und in der Situation, im Kontakt wach, gegenwärtig sind. Uns darauf konzentrieren, wie wir uns kontrollieren, zurückziehen.

  • Wie stelle ich es an, dass ich mich selbst hindere?
  • Welche Gefühle spüre ich hinter der Angst?

Ich lasse mich ein auf die Situation meiner schöpferischen Möglichkeiten, ich will versuchen, die Verdrängung und mein System motorischer Spannung zu lockern. Z.B. mit Atemübungen:

Angst ist begleitet von Atemstörungen. Ich will mein Körpergewahrsein erweitern, meine Gefühle spüren. Es geht mir darum, die unbewussten, unerledigten Situationen herauszufinden, welche die Energie von meiner Gegenwart und ihren Möglichkeiten abziehen. Ich will (mit Perls) das Hindernis meines Nicht gewahrseins zerstören, um die Gestalt in der Gegenwart vervollständigen zu können. Ich habe das echte Bedürfnis herauszufinden, welche spontanen Erregungen ich nicht anerkennen kann. Ich möchte lernen, meiner inneren Bewegung, die ich spüre, und den motorischen Impulsen mehr nachzu geben. Damit mich manche Ängste nicht immer weiter und weiter verfolgen, blockieren. Jetzt in dieser konkreten Situation will ich anfangen...

 

6. Epilog

(Von einer Überfahrt zur Insel Samothraki):

"Ablegen, das feste Land verlassen, loslassen. Ganz langsam alle Taue lösen, die letzte Verbindung zum festen Land. Mich hinauswagen in die unendliche Weite des Unbekannten, auf schwankendem Boden hinaus in die Unsicherheit. Ich will Neues entdecken, mich darauf einlassen, was mich erwartet. Ich spüre das Streicheln des Windes auf meiner Haut, ich schmecke den salzig-bitteren Geschmack auf meiner Zunge, ich höre all die fremden Stimmen, ich sehe das tosende Wasser des Lebens, und ich spüre in meinem Innern das lebendige Vibrieren. Alles ist in Bewegung, und endlich gibt es einen Weg und ein Ziel. Es ist die Überfahrt zur Insel meiner Sehnsucht, meiner Träume. Jetzt bin ich wieder einmal auf dem Weg dorthin, ohne Ängste, nur in Erwartung des Kommenden, es wird sich alles einfach ergeben, ohne Suchen, ohne Anstrengung, ich verlasse mich nur auf meine Intuition. Keine Normen des Alltags mehr, hinter mir lassend all die täglichen Zwänge. Welch eine Befreiung, mich wieder im Normalzustand zu fühlen. Ausgeruht und mit all meinen Sinnen erwachend."

 

7. Literatur

Freud, Sigmund Hemmung, Symptom und Angst, Frankfurt, 1992
Jung, C.G. Bewußtes und Unbewußtes, Frankfurt, 1988
Miller, Alice Das Drama des begabten Kindes, Frankfurt, 1979
Perls, Fritz et al Gestalttherapie Grundlagen, München, 1992
Gestalttherapie Praxis, München, 1991
Das Ich, der Hunger und die Aggression, München, 1991
Reich, Wilhelm Die bio-elektrische Untersuchung von Sexualität und Angst, Frankfurt, 1984
Riemann, Fritz Grundformen der Angst, München, 1992
Grundformen helfender Partnerschaft, München, 1982

Ergänzend als Anregung

Butollo, Willi Die Angst ist eine Kraft, München, 1986
(Ein allgemeinverständlicher Beitrag zur konstruktiven Bewältigung von Alltagsängsten)
Keyserlingk/Kneipp Manchmal habe ich Angst,2 Kassetten mit Hörspielen und Liedern für Kinder, Otto Maier Verlag Ravensburg, 1979
Klein, Melanie Das Seelenleben des Kleinkindes
Lenne`, Raphael Das Urphänomen Angst, München, 1975
Levitt, Eugene E. Die Psychologie der Angst, Stuttgart, 1987
Mindell, Arnold Der Leib und die Träume
Richter, Horst-E. Umgang mit Angst, Hamburg, 1992
(Sozialpsychologische Aspekte der Angst)
Taeni, Rainer Das Angst-Tabu und die Befreiung, Reinbek, 1981
(Titel der Neufassung:Latente Angst. Empfehlenswerte umfassende und differenzierte Betrachtung des Angstphänomens, auch mit gesellschaftlicher Perspektive, ausführliches Literaturregister)
Tausch, Anne-Marie Gespräche gegen die Angst, Reinbek, 1990
 
Dipl.-Psych. Volker Drewes
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