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Premiumtext: Narzissmus

Narzisstische Störungen

 

Inhaltsangabe

1. Anfang

2. Die entwicklungsgeschichtliche Problematik

3. Narzisstische Störungen - die Symptomatik

3.1 Dasein ohne Du
3.2 Schwanken zwischen Größenwahn und Selbstzweifel
3.3 Gefangensein in Verschmelzungssehnsüchten

4. Zum Verständnis der narzisstischen Symptomatik im gesellschaftlichen Zusammenhang

4.1 Verunsicherung durch Kontingenzerfahrungen
4.2 Rückzug aus der Geschichte
4.3 Rückzug aus den Institutionen
4.4 Eine Bemerkung zur politischen Situation unseres Landes

5. Wege der Therapie

6. Zum Schluß: ein Traum

7. Literatur

8. Anmerkungen

 

1. Anfang

Wir wollen versuchen, diesen Text auf 10 Seiten zu beschränken. Wer sich nämlich mit Narzissmus befasst und selber viele eigene Aspekte darin wiederentdeckt hat, tut gut daran, sich kurz zu fassen.

Und damit ... sind wir mitten im Thema. Denn beim Narzissmus geht es um Grenzen, um Grenzerfahrungen, um Begrenztsein ... oder, anders gesagt, um das Vermeiden von Grenzerfahrungen.

 

2. Die entwicklungsgeschichtliche Problematik

Der Mensch ist ein Nesthocker.

Wir werden unfertig geboren. Wir sind konstitutionelle Frühgeburten, unfähig, uns zu bewegen, uns zu ernähren und - dies besonders - unfähig, zwischen uns selbst und unserer Umwelt zu unterscheiden. Wir haben in der ersten Zeit unseres nachgeburtlichen Lebens dasselbe Verhältnis zum eigenen Finger wie zum Busen der Mutter. Alles gehört einfach so in unsere symbiotische Welt hinein. Bis wir begreifen können, dass die Quelle unserer Bedürfnisse in uns, aber die Quellen unserer Bedürfnisbefriedigung außerhalb sind, vergeht einige Zeit.

Jedes Menschenkind also ist bei seinem ersten Atemzug, den es in dieser Welt tut, ein noch ungestaltetes Ganzes. Es ist auf nachgeburtliche Reifung angewiesen, deren Ziel es ist, immer mehr Individuation, Selbst zu gewinnen. Dabei braucht es den Schutz und die Zuverlässigkeit des Nestes, in dem es aufwächst und sich in den verschiedenen Phasen seines Lebens immer mehr Selbständigkeit aneignet. Die zu den einzelnen Phasen gehörenden Lerninhalte sind verschiedentlich untersucht und beschrieben worden. Ganz allgemein und übergreifend ist der "Lernstoff" Autonomie. Das Kind entwickelt zunehmend verschiedene Fähigkeiten zu differenzieren, zu unterscheiden, also Grenzen zu begreifen.

Gute Lernbedingungen für das Kind sind gegeben, wenn im Nest eine einigermaßen gut funktionierende Balance zwischen Zuverlässigkeit und Freiheit besteht. Das heißt: Angemessene, dosierte Differenzierungszumutungen erlauben es ihm, immer mehr Freiheit zu entwickeln. Zu wenig davon hält es in der Symbiose gefangen, zu viel davon bewirkt Angst. Beides, Gefangengehalten-Werden und Ausgesetzt-Werden, stört und behindert die notwendigen Wachstumsprozesse der ersten nachgeburtlichen Zeit. Letzteres nun, ein Zuviel an zugemuteter Autonomie, ein Zuviel an dadurch entstandener Verlassenheitsangst, wird als Grund für narzisstische Störungen angesehen. 1 In der Art der narzisstischen Störungen gibt es verschiedene Schweregrade, die nicht einheitlich beurteilt werden, von pathologisch kranken bis hin zu narzisstisch verwundeten, gekränkten oder beeinträchtigten Menschen. 2 Wichtig ist es hier klarzustellen, dass jeder Mensch narzisstisch verwundbar ist, und dass der Narzissmus ein Lebensthema aller Menschen ist. Wir alle haben unsere eigene Geschichte mit diesem Thema, je nach den Möglichkeiten und Gegebenheiten unserer Entwicklung.

 

3. Narzisstische Störungen - die Symptomatik

Herausgeworfen werden aus dem Nest, wenn man noch nicht fliegen kann, ist furchtbar. Dabei kommt es nicht auf einzelne kränkende Situationen an, sondern auf die Lebensstruktur, in der das Kind lebt, die aufgrund vieler Einzelsituationen irgendwann ein wiederkehrendes Muster ergibt. Auch ist mehr als das konkrete äußere Verhalten der Mutter ihre innere Haltung dem Kind gegenüber entscheidend, also ihre nicht momentane, sondern generelle Fähigkeit, sich ins Kind einzufühlen.3

Ein Kind, dem in der symbiotischen Phase zu viel Autonomie und damit Verlassenheitsangst zugemutet wird, bleibt in seiner Entwicklung stecken, d.h. ihm fehlt der wichtige Lernschritt jener Phase, die Grenzerfahrung, das Erleben der Grenze, an der sie selber aufhören und das Gegenüber in Gestalt der Umwelt, in Gestalt von anderen Menschen beginnt.4

In diesem Zusammenhang hat der Begriff ,Grenze‘ eine doppelte Bedeutung, meint nämlich Widerstand und Kontakt zugleich.

Die Grenze als Widerstandslinie ist da, wo die eigene Macht, der eigene Einfluss zu Ende ist und die Macht des Gegenübers beginnt. An dieser Widerstandslinie lernt ein Kind, eigene Möglichkeiten und Fähigkeiten zu begreifen und zu erweitern und zusätzlich, fremde Möglichkeiten und Fähigkeiten zu akzeptieren oder abzulehnen. Lernt es das nicht - z.B. durch Angst, die das verhindert - , bleibt es weiter den Verschmelzungsphantasien verhaftet und versucht, Widerständen und Frustrationen möglichst auszuweichen. Schmerzen haben, in der eigenen Macht begrenzt sein, abhängig sein, Konfrontationen aushalten, Konflikte austragen, in Zusammenhängen leben, Kontexte mitbedenken, all das sind Erfahrungen mit Widerständen, die narzisstisch verwundete Menschen vermeiden.

Dabei ist es in diesem Zusammenhang klar verständlich, dass sie tun, was sie tun, weil sie nicht anders können! Die Angst liegt wie eine Sperre zwischen ihnen und dem Vermögen. Sie können nicht, auch wenn sie sich die größte Mühe gäben; sie haben es ja nicht gelernt. 5

Die Grenze als Widerstandslinie ist aber zugleich auch die Kontaktlinie! Da, an meiner Grenze, entwickle ich im Kontakt zur Umwelt, zum Gegenüber Gefühle und Beziehungen. Da, an meiner Grenze, werde ich berührt. Ohne Grenzerfahrungen habe ich also keine Kontakterfahrungen. Hier wird die philosophische Tiefe spürbar, die im Gestaltansatz von Fritz Perls liegt, wenn er so einen Begriff wie ,Kontaktgrenze‘ prägt, wenn er von einer Therapie der Grenzen spricht. Das heißt: Es ist dieselbe Grenze, an der ich Ja und Nein, Berührung und Widerstand erfahre. Wenn ich nun vor dem Widerstand davonlaufe, werde ich nie berühren und berührt werden. Und genau das ist die Tragik der narzisstisch verwundeten Menschen. 6

Im Einzelnen ist ihre Not folgendermaßen zu beschreiben:

Dasein ohne Du

Ihr Gegenüber sind sie selber. Aus Angst vermeiden sie Hingabe. Das hieße ja, sich einem Menschen z.B. ganz hinzugeben, ihn anzunehmen, wie er ist, auch mit all seinen Widerständen. Und das hieße zugleich, sich selber anzunehmen, wie man ist. Das ist konkrete Arbeit, Liebesarbeit, Arbeit an Konflikten und Widerständen. Diese Arbeit schaffen narzisstisch gekränkte Menschen nicht. Sie weichen aus, z.B. in eine weltumspannende Umarmung von Millionen. Viele zu lieben, ist leichter, als einen.

Schwanken zwischen Größenwahn und Selbstzweifel

Ohne verarbeitete, integrierte Grenzerfahrungen wissen sie nicht, wo ihr Raum, ihr Ort ist. Wo beginne ich? Und wo bin ich zu Ende? Wie groß bin ich? Wie klein bin ich? Das sind schwere Fragen. Denn narzisstisch gekränkte Menschen können grenzenlos sich aufblähen und grenzenlos wieder in sich zusammenfallen. Beides ist ohne Grenzerfahrungen beliebig, d.h. ohne das Gleichgewicht, das durch Realitätsbezug entsteht.

Gefangensein in Verschmelzungssehnsüchten

Sie vermögen nicht sich selber differenziert wahrzunehmen und brauchen die bedingungslose Zustimmung, Übereinstimmung und Liebe der frühen, nachgeburtlichen Entwicklungszeit. In ganz verschiedenartigen Situationen können sie sich die Befriedigung dieser Phantasien holen, ob in einer enthusiastischen Religion ( Verschmelzung von Himmel und Erde ) oder in einem Neonazi-Aufmarsch oder in all den tagtäglichen Entgrenzungsforderungen innerhalb der eigenen Partnerschaft. Ihre Qual dabei ist: sie sind auf der Suche und bleiben süchtig. Sie werden nicht satt, sie kommen nicht an, am anderen Ufer, beim Du. 7

Vielfalt anstatt Gestalt

Wer bin ich? Was kann ich? Was will ich? narzisstisch gekränkte Menschen leiden an der Vielfalt, an den, immer auch anderen Möglichkeiten‘, an der Kontingenz unserer Welt. Sie können sich schwer entscheiden. In jeder Entscheidung liegt der Ausschluss von Möglichkeiten, in jedem Ja liegt zugleich ein Nein. Das ist unerträglich. Da bleiben sie lieber in der möglichen, offenen Vielfalt. Gestalten haben ja Grenzen, Umrisse und Proportionen.

In den Arbeiten von Heinz Kohut, Kathrin Asper und Hans-Peter Dreitzel zu den narzisstischen Störungen finden sich Beschreibungen von Symptomen, die dem Gesagten entsprechen. Sie werden hier kurz erwähnt:

Heinz Kohut nennt folgende für Narzisstische Persönlichkeitsstörungen typische Probleme: Unfähigkeit, sinnvolle Beziehungen aufzunehmen; Arbeitshemmungen; Schwankungen im Selbstwertgefühl; innere Leere; hypochondrische Befürchtungen; Schamanfälligkeit; Arroganz; sexuelle Schwierigkeiten bis hin zu Perversionen; Mangel an Humor; Mangel an Einfühlung in die Gefühle und Bedürfnisse anderer; Mangel an Wahrnehmung von Proportionen; Neigung zu unkontrollierten Wutausbrüchen; vegetative Störungen. 8

Kathrin Asper nennt inhaltlich ganz ähnlich: übermäßige Angst, unproportionierte Wut, Gefühlsdefizienz, unzureichende Wahrnehmungsfähigkeit, unausgewogene Nähe und Ferne, gestörte Sexualität, übermäßige Scham, unklare Bedürfnisse. 9

Zusätzlich differenziert sie zwischen Verlassenheitsgebärden, den Abwehrreaktionen, und den Sehnsuchtsgesten. Verlassenheitsgebärden sind u.a.:

Überanpassung, Identifikation mit kollektiven Werten, Verzicht auf eigene Gefühle, Funktionieren durch Intellekt und Rationalität, Rückzugstendenzen ( das Empfinden, nicht dazuzugehören), besondere Aufmerksamkeit auf Teile des eigenen Körpers, Narzisstische Wut, Narzisstische Depression, Grandiosität und masochistische Grübelsucht. 10

Sehnsuchtsgesten, also Wünsche, die sich im Verhalten und im aktiven Tun äußern, sieht Kathrin Asper im Streben nach Nähe bewunderungswürdiger Menschen. Sie sehnen sich danach, dazuzugehören, und reagieren bei den geringsten Anzeichen, abgewiesen oder übersehen zu werden, mit Ärger, Arroganz und Wut. Sie suchen oft Situationen, in denen sie sich mit ihrer Umwelt in einer Fusion erleben können. Darin zeigt sich ihr Bedürfnis nach Spiegelung, Würdigung und Geliebtwerden. 11

Hans-Peter Dreitzel fügt hinzu und hilft damit zu noch genauerem Verstehen, dass narzisstisch gestörte Menschen an einer ganz bestimmten Stelle des Kontaktprozesses diese Symptome bzw. Verhaltensweisen zeigen, nämlich da, wo die Kontaktanbahnung in den vollen Kontakt übergehen müsste. Genau an dem Übergang sind die Ängste, die entstehen, nicht zu ertragen. Sie werden abgewehrt in den uns vertrauten Arten der Kontaktunterbrechung (Introjektion, Projektion, Retroflektion) und durch Reaktionsbildungen wie Grandiosität, Exhibitionismus, Idealisierung, Anspruchshaltung, Vereinnahmung anderer, Betonung von Differenzen, Fixierung auf Inhalte, zwanghafte Verbalisierung. 12

 

4.Zum Verständnis der narzisstischen Symptomatik im gesellschaftlichen Zusammenhang

Der Begriff, Narzissmus‘ dient schon lange nicht mehr nur dazu, individuelle Störungen einzuordnen, er ist längst zur Beschreibung unserer Gesellschaft, ja sogar unseres Zeitalters herangezogen worden. 13

Wir wollen in diesem Abschnitt auf drei Aspekte hinweisen, auf die Verunsicherung durch Kontingenzerfahrungen, die Ursache also, und auf die beiden Folgen, den Rückzug aus der Geschichte und den Rückzug aus den Institutionen.

Verunsicherung durch Kontingenzerfahrungen

Es ist noch nicht lange her, seit den 50er Jahren etwa, seitdem nimmt in unserer - westlichen - Welt die Erfahrung von, immer auch anders möglichen‘ Entscheidungen, Lebenswegen und Ereignissen zu, und zwar in allen unseren Lebensbereichen. Wir haben die freie Wahl ..., und wir haben die Qual der Wahl. Wie erziehen wir unsere Kinder richtig? In welchen Kindergarten bzw. -laden schicken wir sie? In welche Schule sollen sie kommen? Welchen Beruf werden bzw. sollen sie wählen? Allein dieser kleine Lebensbereich, Kindererziehung‘ zeigt den Reichtum der Möglichkeiten, in dem wir leben, aber auch die Verunsicherungen, die damit verbunden sind. Das bedeutet: Seit ungefähr 40 Jahren wachsen Kinder in eine Welt hinein, in der sie immer mehr die eigenen Eltern verunsichert erleben, in der sie aber auch selber durch die vielen Möglichkeiten verunsichert und verführt werden. So oder so, die Welt versucht, sich gut und angenehm darzustellen: ,,Hier kannst du toll leben, ganz wie du es willst. Unbegrenzte Möglichkeiten hast du. Also: wähle und genieße!".

Da ist sie wieder, die Täuschung von der Unbegrenztheit. Diese Täuschung ist sehr verführerisch, gaukelt sie ja vor, es gäbe ein schönes, angenehmes Leben voller Wohlbefinden ohne Schmerzgrenzen, ohne Widerstand und Konflikte, ohne Frustrationen oder Schuld. So wird die ganze Welt zu einem Spiegel. Immer mehr Menschen entziehen sich ihr, nehmen sie nicht mehr wahr (Konflikte, Schuldzusammenhänge, Not, Elend) und haben an ihr nur noch insofern Interesse, als sie das eigene Image reflektiert. 14

Die Selbstentfremdung in dieser Art Leben ist bekannt, auch die Ängste, die Depressionen, die innere Leere. Im Verlangen nach der vollkommenen Befriedigung momentaner Wünsche bleiben wir aber im Zustand eines ewigen, ungestillten Suchens.

Rückzug aus der Geschichte

Solcher Art narzisstisch beeinträchtigte Menschen-Generationen entwerten Vergangenheit und Geschichte. An Traditionen haben sie kein Interesse und nehmen Anstoß an Leuten, die sich ernsthaft auf die Vergangenheit beziehen und dort nach Maßstäben zum Verstehen der Gegenwart suchen. Eher verstecken sie sich vor der Zeit. Sie gehören zu denen, die sagen: ,,Mit der Vergangenheit muss mal endlich Schluss sein!" Die ist ja unangenehm, schwierig und belastend; in ihr begegnet uns Schuld. 15

Entsprechend verstecken sie sich auch vor der Zukunft, vor dem Alter, vor dem Tod, vor all diesen Grenzen, an denen sie schwach und klein, hässlich und elend sein werden.

Rückzug aus den Institutionen

Verpflichtungen und Verbindlichkeiten sind Einschränkungen und als solche unangenehm. Die, unbegrenzten Möglichkeiten‘ unserer Gesellschaft ermöglichen es uns sogar, relativ unabhängig von Institutionen zu leben. Aber diese Unabhängigkeit von familiären Bindungen und institutionellen Zwängen macht narzisstisch gestörte Menschen keineswegs dazu fähig, auf eigenen Füßen zu stehen oder sich an der eigenen Individualität zu freuen. Sie verstärkt eher ihre Unsicherheit, die sie dadurch zu überwinden suchen, dass sie für Bewunderung sorgen oder sich Menschen anschließen, die Macht und Glanz ausstrahlen. 16

Eine Bemerkung zur politischen Situation unseres Landes

Die politischen Vorgänge 1989/90 in Deutschland können in diesem Kontext der narzisstischen Störung verstanden werden.

Als die Demonstranten bei den Montagabend-Demonstrationen nicht mehr ,,Wir sind das Volk" riefen, sondern ,,Wir sind ein Volk", offenbarte sich darin ein narzisstischer Massenwunsch, den der geschmeichelte Westen flugs erfüllte: nämlich übergangslos, ohne Wehen, ohne Schmerzen einfach in eine neue Identität hineinzuschlüpfen.

Es dauerte nicht lange, und wir konnten sehen, was beide, Osten und Westen, bei der, Wiedervereinigung‘ vermieden und bis jetzt nicht bearbeitet haben. Während Hamburg mit dem Motto ,,Grenzenlos feiern!" den 1. Jahrestag der Einheit im Oktober 1991 beging, wurde in Hünxe ein ausländisches Mädchen angezündet. Seitdem geht es so zu in Deutschland: unkontrollierte Wut bricht kollektiv aus und trifft die Schwächsten, die Fremden. An unsere deutsche Entfremdungsproblematik wagen wir uns zu wenig.

 

5. Wege der Therapie

Bei aller Verschiedenheit in den Theorien, der psychoanalytischen, der Jungschen und der Gestalt-Theorie, gibt es überraschender Weise Ähnlichkeiten beim Therapie-Ansatz und Übereinstimmung bei Ursachen und Zielen. Ausgehend von der Wahrnehmung, dass narzisstisch gestörte Menschen nicht anders können, auch wenn sie sich die größte Mühe gäben, steht von vorn herein fest, dass es überhaupt keinen Sinn ergibt, ihnen mit einer moralischen oder erzieherischen Haltung zu begegnen. Hinter ihrer oft unausstehlichen Fassade sind sie selbst ganz klein, unsicher und bedürftig. Es ist Aufgabe des therapeutischen Weges, dass sie nachholen, woran sie früher gehindert wurden, nämlich zu reifen und sich zu entwickeln und damit nicht durchlebte Entwicklungsschritte zu integrieren.

Zu den einzelnen Ansätzen, die sich ergänzen und füreinander fruchtbar sind:

Heinz Kohut entwickelte in seinem 1971 erstmalig erschienenen Buch über den Narzissmus eine Theorie der psychoanalytischen Behandlung narzisstisch gestörter Menschen. Damit betrat er in seinem Bereich der Psychoanalyse terra incognita. Bis dahin hatte gegolten, dass narzisstisch gestörte Menschen - wie alle Frühgestörten - nicht behandlungsfähig seien, weil bei ihnen das entscheidende Behandlungsinstrument, die Übertragung, nicht funktionieren könne. In Gegenposition dazu beschrieb Heinz Kohut in seinem Buch eingehend die Prozesse der Übertragung, die Wiederbelebungen des Größenselbst und der Elternimago in der Spiegelübertragung und in der idealisierten Übertragung, den beiden für Narzissten typischen Übertragungsformen. Der therapeutische Prozess des Wiederholens, Wiederbelebens, Erinnerns und Durcharbeitens soll vom Analytiker begleitet und gesteuert werden, indem er/sie zuhört, deutet und rekonstruiert. Das muss in einer einfühlsamen und verständnisvollen Haltung geschehen, keinesfalls konfrontativ oder moralisierend, pädagogisierend oder gar verurteilend. Dabei hat der Analytiker mit eigenen Reaktionen auf die narzisstischen Fixierungen und Regressionen des Patienten zu rechnen wie Gereiztheit und Ungeduld. Wichtig ist dabei darauf zu achten, dass der Patient die einzelnen Schritte auf dem Weg der Reifung als gesund und notwendig und gut annehmen kann. Sein Ich darf nicht gegen seine archaischen narzisstischen Anteile aufgebracht werden. 17

Ziel und Ergebnis der Analyse ist der Aufbau psychischer Strukturen, besonders von Ich-Funktionen. Dazu gehört die Stärkung des kohärenten Selbst, das sich dann deutlich abzugrenzen vermag. 18

Kathrin Asper leitete ihren therapeutischen Ansatz ähnlich wie Kohut in Gegenposition zum eigenen theoretischen Hintergrund aus ihren Erfahrungen in der therapeutischen Arbeit ab. In Abgrenzung zu vaterspezifischen Haltungen des Analytikers, mit denen die klassischen Individuationsschritte nach der analytischen Psychologie Jungs geleistet werden, die vor allem zielgerichtet sind (Einsichtnahme, Analyse, Erörterung der Situation im Hinblick auf eine Verbesserung ) fordert sie bei der Behandlung narzisstisch verwundeten Menschen vom Analytiker mutterspezifische Haltungen, die sie speziell bei dieser Störung für geeigneter hält.19

Zu diesen mutterspezifischen Haltungen gehören: Aufmerksamkeit, Teilnahme, Aushalten, Gefühls-Wahrnehmung, verstärktes Achten auf Ursachen mehr als auf Ziele, Raum geben für verschiedene Weisen der Selbstwahrnehmung, Zeit geben zum Erzählen, Empathie, Gefühle leihen, lauschendes Zuhören. Zur Vorsicht rät Kathrin Asper, wenn der Analysand zu vaterspezifischen Haltungen drängt. Gerade narzisstisch gestörte Menschen verführen oft den Analytiker zu vaterspezifischen Haltungen, nehmen selber gerne eine, Lernhaltung‘ ein und vermeiden es so - wie gewohnt -, eigene Gefühle wahrzunehmen. Auch neigen sie zu Selbstdeutungen, die meist aus der Warte früherer Bezugspersonen gesprochen werden, von daher oft selbstbezichtigend sind und so die Selbstentfremdungsproblematik verstärken. Außerdem nehmen narzisstisch verwundetet Menschen Deutungen wahllos an, auch solche, die unzutreffend sind. Ihnen fehlt das sichere innere Gefühl für zutreffende und unzutreffende Deutungen. Von daher ist es wichtig, Zurückhaltung bei Deutungen zu üben. Entscheidend ist in der Analyse die Wahrnehmung der Gefühle, so dass der narzisstisch gestörte Mensch intensiv die eigenen Gefühle und Bedürfnisse betrachten und erleben lernt und darin den abgerissenen Dialog mit dem einstigen, nun meist verstummten Kind wieder aufnimmt.

Der Ansatz von Kathrin Asper ist beeindruckend, vor allem die Verlagerung der Aufgaben des Analytikers auf die erwähnten mutterspezifischen Haltungen, die ganz deutlich eine Absage an Macht und eine Erschwernis und Differenzierung der Arbeit bedeutet. Dazu schreibt Kathrin Asper:

"Das alles sind in ihrer Art einfache Haltungen; sie sind indes nicht immer einfach auszuführen. Einmal, weil unser eigener Narzissmus uns gerne verführt, etwas Aufwendigeres, Effektvolleres anzubieten. Zum andern wird man nicht selten von den Analysanden angegriffen; sie finden uns zu banal, zu langweilig und fühlen sich bisweilen frustriert in der Sehnsucht zu bewundern. Diese Angriffe sind einerseits Angst vor Nähe und andererseits Ausdruck des tragischen Unvermögens des narzisstischen Analysanden, sich genügend gut bemuttern zu können, was nichts anderes heißt, als sich in seinem So-sein anzunehmen.

Es ist auch nichts offensichtlich Gescheites in diesen Haltungen, nichts, womit der Analytiker brillieren könnte. Es ist aber Klugheit in ihnen, eine Klugheit, die weitgehend darauf verzichtet, auf dem Sprung nach Schlüssen zu sein, Gefühle zu schnell zu Problemen und mythologischen Figuren zu stilisieren, den moralischen Zeigefinger zu erheben und in Erstaunen über Synchronizitäten zu verfallen." (Seite 228—229)

Die Aufmerksamkeit, mit der sich Gestalttherapeuten dem Kontaktprozess zuwenden und in seinem Verlauf die verschiedenen Störungen, Abbrüche und Beeinträchtigungen als Hinweise auf bestimmte Kränkungen und Störungen der betreffenden Menschen verstehen, unterstützt und fördert den wachen Blick für den therapeutischen Prozess in seiner Gesamt-Gestalt und gibt ihm konkrete Inhalte und Themen.

Hans-Peter Dreitzel hält in der Therapie narzisstisch gestörter Menschen als Wiederbelebung des Selbst hauptsächlich eine Entwicklung von gelungenen Konfluenz-Erfahrungen für nötig.

Es geht

,,um die Ermöglichung der allmählich beständiger werdenden Erfahrung, dass man nicht alles allein machen muss; dass die äußere Welt nicht so überwältigend ist, als dass man sich ihr gegenüber stets grandios behaupten müsste; dass es tragfähige Beziehungen gibt, die unser Vertrauen verdienen; und dass die Hingabe im Vollen Kontakt ein vorübergehendes und nicht ein endgültiges Fallenlassen der Selbstkontrollen ist. Dies alles kann eine Therapie ermöglichen und erleichtern ..., vor allem durch eine zuverlässige, warme und insbesondere frustrationstolerante, enttäuschungsfeste Beziehung des Therapeuten zu seinem Klienten." (Seite 39)

Auf dem Weg des Gewahrwerdens dessen, was der Klient tut, wird in der Therapie die Bearbeitung der Kontaktunterbrechungen und Beeinträchtigungen, der Introjekte und der Projektionen, besonders der Selbstversorgerintrojekte und der Gesichtsverlustprojektionen möglich.20

Johanna Müller-Ebert und Manfred Josewski haben in der therapeutischen Arbeit mit narzisstisch gestörten Menschen beobachtet, dass die Therapie verschiedene Phasen durchläuft, in denen die Krisen der Kontaktvermeidung im Kontaktprozess den Krisen der Kontaktvermeidung im gesamten Therapieprozess ähneln. Das bedeutet für den therapeutischen Weg, dass der Therapeut bei narzisstisch verwundeten Menschen mit den verschiedenartigsten Abbrüchen, Störungen und Beeinträchtigungen im Therapieprozess rechnen muss; im Erfinden und Behaupten von Gründen für Abbrüche sind sie ,genial‘. Eine wichtige Aufgabe des Therapeuten ist es also, Kränkungen, Stagnationen und Frustrationen auszuhalten und nicht mit konfrontativen Haltungen den Klienten in den Therapieabbruch zu treiben. Sinn und Ziel der therapeutischen Arbeit ist es, dem narzisstisch gestörten Menschen in einer besonderen, nämlich therapeutischen Beziehung, mit der Zeit immer mehr Erfahrungen von "Vollem Kontakt" zu ermöglichen, ohne dass er ihn in der aufsteigenden Panik verhindern muss.

 

6. Zum Schluss: ein Traum

Am Ende des therapeutischen Weges ist uns nach den Worten Heinz Kohuts Wunderbares verheißen. Aus der narzisstischen Störung werde, so sagt er, gestalteter Narzissmus, der die schönsten Eigenschaften und Fähigkeiten in sich birgt wie Empathie, Kreativität, Humor und Weisheit.

Manchmal können wir schon auf dem Weg eine Ahnung davon bekommen, was uns am Ende verheißen ist. So ist ein Traum eines narzisstisch gestörten Menschen, den Heinz Kohut beschreibt21, unvergesslich:

,,Die Frage eines Nachfolgers für mich kam auf. Ich dachte: wie wäre es mit Gott?"

 

7. Literatur

Heinz Kohut Narzißmus, stw 157,1900
Kathrin Asper Verlassenheit und Selbstentfremdung, dtv 15079, 1991
Christopher Lasch Das Zeitalter des Narzißmus, Steinhausen,1980
Johanna Müller-Ebert, Manfred Josewski, Hans-Peter Dreitzel, Bertram Müller Narzißmus, ein Vortrag anlässlich der DVG -Tagung 1988 in Heidelberg, Gestalttherapie 2/88
 

8. Anmerkungen

  1. K. Asper, S. 63 ff und Gestalttherapie 2/88, S. 36 ff:

    "Die Angst vor Autonomieverlust (ist) unserer Auffassung das Charakteristikum des narzisstisch gestörten Menschen, so wie die Angst vor Autonomie, symptomatisch in der Unfähigkeit zur Ausbildung von klaren Kontaktgrenzen und damit tragfähigen Realitätserfahrungen, das Charakteristikum des psychotisch gestörten Menschen ist.

    Wir entwickeln unsere Ich-Funktionen und damit unsere Fähigkeit zu autonomem Handeln zunächst als Kleinkinder in einigen zentralen Lebensbereichen wie Wahrnehmen, Handhaben Bedürfnisse artikulieren, Körperausscheidungen kontrollieren, Laufen, Sprechen. Wir erlernen diese Fähigkeiten normalerweise im Schutze sicherer elterlicher Unterstützungen. In jedem dieser (und noch weiterer) Lernbereiche kann es nun zu einem (angstvollen) Klammern und allzu langem Festhalten des Kindes durch die Mutter (hauptsächlich) kommen oder auch zu einem Mangel an noch notwendiger Unterstützung und Hilfe, einer zu frühen Autonomiezumutung. Im ersten Fall wird das Autonomiebestreben des Kleinkindes und damit seine Ich-Bildung durch konfluentes Verhalten der Mutter behindert, im zweiten Fall wird das Kind durch zu frühe Abtrennung von der elterlichen Versorgung überfordert."

  2. vgl. dazu H. Kohut, S. 17 ff

  3. Gemeint ist hier die erste Bezugsperson in der symbiotischen Phase des Kindes, vereinfachend, Mutter‘ genannt.

  4. Die weiteren Entwicklungsphasen werden dann beeinträchtigt durchlebt.

  5. Diese Erkenntnis wird bei der Frage des Therapie-Ansatzes wichtig.

  6. Verwiesen wird auf den griechischen Mythos von Narkissos, dessen große Not (Einsamkeit mit dem eigenen Spiegelbild, Einsamkeit dem, Gespräch‘ mit der Nymphe Echo) in der Kontaktlosigkeit, im Leben ohne Begegnung liegt. Er brachte sich um. K. Asper legt den Mythos in ihrem Buch aus, s. S. 93 ff.

  7. vgl. hier den Ansatz von H. Kohut, S. 43:

    "Das Gleichgewicht des primären Narzissmus wird durch die unvermeidlichen Begrenzungen mütterlicher Fürsorge gestört, aber das Kind ersetzt die vorherige Vollkommenheit durch den Aufbau eines grandiosen und exhibitionistischen Bildes des Selbst: das Größen-Selbst; und indem es die vorherige Vollkommenheit einem bewunderten, allmächtigen (Übergangs-) Selbst-Objekt zuweist: der idealisierten Elternimago."

    Während das Größenselbst von der Ansicht, ich bin vollkommen‘ geleitet wird, bedeutet die Idealisierung des Selbstobjektes: , du bist vollkommen, aber ich bin ein Teil von dir‘. (vgl. ebd. S. 45)

    Zur Sehnsucht nach dauernder Vereinigung siehe auch H. Kohut, S. 57 und K. Asper, S. 23

  8. H. Kohut, S. 34, 38, 41 und 275

  9. K. Asper, S. 69 ff

    Zur Scham soll hier ergänzt werden, dass es ein entwicklungsgeschichtlich früheres Gefühl als Schuld ist. Schuldgefühle setzen das Begreifen von Zusammenhängen voraus; Schamgefühle kommen aus persönlichen Verletzungen und Kränkungen und erfordern für sich keine Wahrnehmung des Kontextes (es sei denn, es wird der Verursacher der Schamgefühle gesucht, doch da wären wir wieder bei der Schuldfrage).

    Zu den ,unklaren Bedürfnissen‘ K. Asper, S. 71 f:

    " Viele Narzissten, vor allem mit den in dieser Arbeit besprochenen mit den perfektionistischen Personahaltungen, verwehren es sich, Bedürfnisse zu zeigen, Hilfe zu fordern und anzunehmen aus Angst vor der Wiederholung schmerzlicher Kindheitserfahrungen. Andererseits zeigt es sich, dass sie oft maßlose Erwartungen an andere stellen. Man muss ihre Bedürfnisse - nach dem Modell der Mutter-Kind-Beziehung - erraten oder ihnen von den Augen ablesen."

  10. zu den Verlassenheitsgebärden K. Asper, S. 151 ff

  11. zu den Sehnsuchtsgesten K. Asper, S. 166 ff

  12. Gestalttherapie 2/88, S. 39 f

  13. Chr. Lasch, S. 55 f:

    "Jede Gesellschaft versucht, die universalen Krisen der Kindheit - das Trauma der Trennung von der Mutter; die Angst, verlassen zu werden; die Qual, mit anderen um die Liebe der Mutter kämpfen zu müssen - auf ihre Weise zu lösen, und wie sie mit diesen psychischen Geschehnissen umgeht, bringt eine typische Form der Persönlichkeit hervor, eine typische Form der psychischen Deformation, mit deren Hilfe sich das Individuum mit der Triebdeprivation versöhnt und den Anforderungen des gesellschaftlichen Daseins fügt."

  14. Chr. Lasch, S. 70

    vgl. dazu auch Spenden-Aufruf-Fernsehsendungen, in denen die Not der Elenden uns dazu ,verhilft‘, unser Helfer-Image aufzupolieren. Hinzu kommt, dass solche Sendungen im Vergleich ziemlich billig zu produzieren sind.

  15. nach Chr. Lasch, S. 14 gilt: der Narzisst wird nicht von Schuldgefühlen gequält, sondern von Ängsten.

  16. Chr. Lasch, S. 27

  17. H. Kohut, S. 233 ff

  18. H. Kohut, S. 272 und 335

  19. K. Asper, S. 208 ff

    hier ist vorausgesetzt, dass gemäß der analytischen Psychologie Jungs ,mütterlich‘ und ,väterlich‘ nicht geschlechtsspezifisch, sondern als Eigenschaften, die Frauen und Männer gleichermaßen haben (können), verstanden werden.

  20. Gestalttherapie 2/88, S. 41:

    "Der Inhalt der Introjekte ist die Erfahrung, dass man trotz der zu frühen Autonomiezumutung überlebt hat, und das Gefühl, dass es sicherer ist, in allem für sich selber zu sorgen, statt sich auf andere zu verlassen."

    Gesichtsverlust-Projektionen sind mit Schamgefühlen verbunden. An diesen Projektionen (,du magst mich nicht, wenn ich mich unkontrolliert zeige‘) muss gearbeitet werden, um an die verdrängten Erfahrungen, Gefühle und Bedürfnisse heranzukommen.

  21. H. Kohut, S. 175

 
Dipl.-Psych. Volker Drewes
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