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Premiumtext: C.G. Jung

 

Inhaltsangabe

1. Biographisches

2. JUNG und FREUD

3. JUNG`s Konzept der Psyche

3.1 Das kollektive Unbewusste und die Archetypen
3.2 Animus und Anima
3.3 Persona und Schatten
3.4 Die Typenlehre
3.5 Individuation

4. Entwicklungsstufen der Psychotherapie nach JUNG

5. Parallelen zur Gestaltpsychotherapie

6. Traumarbeit

6.1 Beispiel einer JUNG`schen Traumdeutung

7. Literatur

 

1. Biographisches

  • 1875 geboren in Kesswill am Bodensee (schweizerischer Kanton Thurgau), Pfarrerssohn
  • 1895-1900 Studium der Naturwissenschaften und der Medizin in Basel psychiatrische Klinik Burghölzli, Zürich
  • 1902 Medizinische Dissertation: ,,Zur Psychologie und Pathologie so genannter okkulter Phänomene"
  • 1906 Beginn des Briefwechsels mit FREUD und des öffentlichen Eintretens für die Psychoanalyse
  • 1907 Erste persönliche Begegnung mit FREUD in Wien
  • 1909 Weggang von der Klinik, Beginn einer privaten Praxis in Küsnach bei Zürich, Begleitung FREUD`s auf dessen Amerikareise
  • 1914 Bruch mit FREUD, Rücktritt als Präsident der 1910 begründeten ,,Internationalen psychoanalytischen Vereinigung" (wenige Monate später Austritt)
  • 1916 Gründung des Psychologischen Clubs (der JUNG Schüler) in Zürich
  • 20er Jahre Studienreisen nach Afrika und Amerika
  • 1948 Gründung des G. G. JUNG-Instituts in Zürich
  • 1961 Tod nach kurzer Krankheit
 

2. JUNG und FREUD

Im Alter von 31 Jahren kam JUNG 1906 zum ersten Mal (zunächst schriftlich) mit dem 20 Jahre älteren FREUD in Kontakt. Dessen Psychoanalyse war zu diesem Zeitpunkt noch so umstritten, dass JUNG`s Bekenntnis zu FREUD mit dem Wagnis verbunden war, seinen wissenschaftlichen Ruf zu verlieren. Nach einer Einladung FREUD`s begegneten sie sich ein Jahr später erstmalig persönlich in Wien, worauf eine intensive Freundschaft und Zusammenarbeit folgte. FREUD nannte JUNG seinen ,,ältesten Sohn" und ,,Kronprinzen".

Bereits 1910 jedoch kam es von Seiten JUNG`s zum Bruch, was 1914 mit seinem Rücktritt als Präsident der ,,Internationalen psychoanalytischen Vereinigung" und dem wenige Monate später folgenden Austritt offenkundig wird. Anlass war die unterschiedliche Auffassung der beiden über die Sexualtheorie. JUNG kritisierte vor allem die Reduzierung jeglicher psychischer Energie auf den Sexualtrieb (Libido). Im Gegensatz zu FREUD verwendete er den Ausdruck ,,Libido" in viel weiterem Sinne. Er verstand sie als allgemeine psychische Energie, an der sexuelle Aspekte nur einen untergeordneten Anteil haben. Da JUNG die zentrale Bedeutung der Sexualtheorie für FREUD bewusst war, hatte er vorausgesehen, dass ein Bruch unausweichlich sein würde, wenn er zu seiner Auffassung stehen würde. Darüber hinaus erweiterte JUNG das Konzept des Unbewussten um den Bereich des ,,kollektiven Unbewussten" (s.u.), wofür er von FREUD scharf angegriffen wurde.

Im Anschluss an die Trennung von FREUD nannte JUNG seine von der Psychoanalyse immer stärker abweichende tiefenpsychologische Schule ,,analytische Psychologie" (auch ,,komplexe Psychologie"). Trotz der Abgrenzung zu FREUD`s Psychoanalyse (,,Sexualtrieb") auf der einen und ADLER`s lndividualpsychologie (,,Machttrieb") auf der anderen Seite, hat JUNG deren Lehren weiterhin anerkannt. Er versteht seine Psychologie als Weiterentwicklung, welche beide Ansätze mit einbezieht.

... während ich für meine Auffassung den Ausdruck ,,Analytische Psychologie" bevorzuge und damit etwas wie einen Allgemeinbegriff meine, der ,,Psychoanalyse", ,,lndividualpsychologie" und andere Bestrebungen im Gebiete der komplexen Psychologie in sich fasst. (JUNG [1929] 1995, S.64)

Zudem betont er, dass jede Richtung ihre individuelle Gültigkeit hat, wobei das Ausschlaggebende sein sollte, welches Problem der zu Behandelnde hat bzw. welche Therapieform ihm liegt. Darüber hinaus ist - abgesehen von jeder Lehre - für JUNG letzten Endes die Persönlichkeit des Therapeuten das eigentlich ,,Wirkende":

Du musst der sein, als der du wirken willst ... Nicht wovon man überzeugt ist, sondern dass man überzeugt ist, hat zu allen Zeiten gewirkt. (JUNG 1995, S.83)

 

3. JUNG`s Konzept der Psyche

JUNG geht davon aus, dass jede Erfahrung ,,psychisch", d.h. keine Erfahrung ohne die Psyche denkbar ist. Die Psyche wird damit zum Inbegriff der Realität. Alle erdenkbaren Aussagen über die Realität sind Aussagen der Psyche, was beinhaltet, dass die Grenzen der Psyche auch die Grenzen der Erfahrung bestimmen.

Ich war nie der Meinung, dass unsere Wahrnehmung alle Seinsformen zu erfassen vermöchte ... Alles Begreifen und alles Begriffene ist an sich psychisch, und insofern sind wir in einer ausschließlich psychischen Welt hoffnungslos eingeschlossen. (JUNG, zitiert nach WEHR 1969, S.35)

Die Psyche teilt sich in zwei Bereiche, dass Bewusstsein und das Unbewusste. Während sich das Bewusstsein als ,,Geistesgegenwart" verstehen lässt, umfasst das Unbewusste alles, was sich dem Bewusstsein für gewöhnlich entzieht:

Alles, was ich weiß, an das ich aber momentan nicht denke; alles, was mir einmal bewusst war, jetzt aber vergessen ist; alles, was von meinen Sinnen wahrgenommen, aber von meinem Bewusstsein nicht beachtet wird; alles, was ich absichts- und aufmerksamkeitslos, dass heißt unbewusst fühle, denke, erinnere, will und tue, alles Zukünftige, das sich in mir vorbereitet und später erst zum Bewusstsein kommen wird; all das ist Inhalt des Unbewussten. (JUNG, zitiert nach WEHR 1969, S.36)

Denn der Grund der Neurose ist die Diskrepanz zwischen der bewussten Haltung und der unbewussten Tendenz. Diese Dissoziation wird durch die Assimilation der Inhalte des Unbewussten überbrückt. (S.32)

Assimilation bedeutet die Integration der unbewussten Inhalte ins Bewusstsein und verhindert so eine Spaltung der Persönlichkeit (Dissoziation). Ein extremes Beispiel für eine solche Persönlichkeitsspaltung gibt die Geschichte von Dr. Jekyll und Mr. Hyde.

JUNG wehrt sich gegen eine grundsätzlich negative Bewertung des Unbewussten, wie sie FREUD vorgenommen hat, weil er davon ausgeht, dass es nur solange negativ ist, solange die Auseinandersetzung mit seinen Inhalten vermieden wird.

Das Unbewusste ist kein dämonisches Ungeheuer, sondern ein moralisch, ästhetisch und intellektuell indifferentes Naturwesen, das nur dann wirklich gefährlich wird, wenn unsere bewusste Einstellung dazu hoffnungslos unrichtig ist. In dem Maße, wie wir verdrängen, steigt die Gefährlichkeit des Unbewussten. In dem Moment aber, wo der Patient beginnt, seine unbewusst gewesenen Inhalte zu assimilieren, vermindert sich auch die Gefährlichkeit des Unbewussten. (S.157)

 

3.1 Das kollektive Unbewusste und die Archetypen

Neben das persönliche Unbewusste (Vergessenes, Verdrängtes, unterschwellig Wahrgenommenes, Gedachtes und Gefühltes) hat JUNG das ,,kollektive Unbewusste" gestellt und damit den - laut WEHR - bedeutsamsten Schritt über FREUD hinaus gemacht. Das kollektive oder überindividuelle Unbewusste meint eine tiefere Schicht im Unbewussten, die nicht auf individuelle Erfahrungen zurückgeht, sondern allen Menschen gemeinsam und angeboren ist. Dabei ist ,,angeboren" nicht im Sinne der genetischen Anlage gemeint, sondern vergleichbar mit dem Instinkt der Tiere. So wie die Zugvögel das ,,Wissen" teilen, in Formation zu fliegen, so teilen die Menschen das kollektive Unbewusste bzw. die ,Archetypen (Urbilder), aus denen es zusammengesetzt ist.

Der Ausdruck ,,Archetyp" wird oft als bestimmtes mythologisches Bild oder Motiv missverstanden. Aber solche Bilder sind nur bewusste Darstellungen; es wäre absurd, anzunehmen, solche variablen Bilder könnten vererbt werden. Der Archetyp ist vielmehr eine angeborene Tendenz, solche bewussten Motivbilder zu formen - Darstellungen, die im Detail sehr voneinander abweichen können, ohne jedoch ihre Grundstruktur aufzugeben. (JUNG 1968, S.67)

Das heißt, der eigentliche Archetyp bleibt unerkannt im Unbewussten, während das archetypische Bild für den jeweiligen Menschen individuell erkennbar wird, beispielsweise im Traum. JUNG stützt sich mit der Entdeckung des kollektiven Unbewussten auf langjährige Erfahrungen, die er unter anderem auf seinen Forschungsreisen machte. So fand er beispielsweise bei schwarzen Afrikanern Träume, deren Inhalte sich mit der griechischen Mythologie deckten.

Ein Beispiel für einen Archetyp ist das ,,Gottesbild". JUNG spricht davon, dass der menschlichen Seele eine ,,natürliche religiöse Funktion" innewohnt, sozusagen ein innerer Gott:

Danach hätte Christus seinen Gläubigen keinen Eindruck gemacht, wenn er nicht zugleich etwas, das in ihrem Unbewussten lebte und am Werke war, ausgedrückt hätte. Das Christentum selber hätte sich in der antiken Welt nicht in dieser erstaunlichen Schnelligkeit ausgebreitet, wenn seiner Vorstellungswelt nicht eine analoge psychische Bereitschaft entgegengekommen wäre. (zitiert nach WEHR 1969, S.70)

Die Schlussfolgerung daraus ist besonders interessant, dass der Mensch in jedem Fall eine ,,Religion" braucht, d.h. irgendetwas, an das er glaubt und sei es eine Ideologie.

Wem es gelingt, eine Glaubenshülle abzulegen, der kann es nur tun vermöge des Umstandes, dass ihm eine andere zur Hand liegt... Dem Präjudiz der Menschheit entgeht keiner. (ebd. 1969, S.66)

 

3.2 Animus und Anima

Zwei der wichtigsten Archetypen sind Animus und Anima. Nach JUNG gehört die wechselseitige Ergänzungsbedürftigkeit von Mann und Frau in körperlicher wie geistiger Hinsicht zur angeborenen psychischen Struktur des Menschen.

Animus und Anima bezeichnen somit gegengeschlechtlich-komplementäre Erscheinungsformen psychischer Tatbestände. Man könnte auch sagen: Anima kompensiert das männliche Bewusstsein, Animus das weibliche. (WEHR 1969, S.47)

Danach fällt es schwer, Animus und Anima genau zu definieren, eine klar umrissene Definition ist aber gar nicht so entscheidend, vielleicht auch gar nicht möglich. JUNG stellt fest, dass jeder Mann nicht gelebte (Unbewusste) weibliche Anteile und jede Frau ebensolche männlichen Anteile in sich trägt, welche die Anima bzw. den Animus ausmachen. Die Betonung des Gegengeschlechtlichen in der Gegenwart muss etwas relativiert werden, weil die männliche und weibliche Rolle nicht mehr so klar definiert ist, wie noch zu JUNG`s Lebzeiten. Anima bzw. Animus sind in erster Linie als komplementäres Gegenbild der eigenen Persönlichkeit zu verstehen, was sich vor allem in Beziehungen / Partnerschaften zeigt. Das heißt, sie verkörpert all das positiv wie negativ Faszinierende (im Unbewussten), was nicht gelebt und stattdessen im Gegenüber gesucht, gefunden oder projiziert wird. Ob es sich dabei um vermeintlich männliche oder weibliche Eigenschaften handelt ist zweitrangig.

Neben den archetypischen Anteilen, wird die individuelle Vorstellung der Anima / des Animus auch durch den gegengeschlechtlichen Elternteil geprägt (man "sucht" sich in der Partnerschaft häufig den "Vater" bzw. die "Mutter").

 

3.3 Persona und Schatten

Auch ,,Persona" und ,,Schatten" sind Begriffe, die aus dem ,,Vokabular" von C. G. JUNG stammen. Als Persona bezeichnet er den Teil des Bewusstseins, den ein Mensch nach außen trägt, um seiner gesellschaftlichen Rolle gerecht zu werden.

Die Persona ist ein kompliziertes Beziehungssystem zwischen dem individuellen Bewusstsein und der Sozietät, passenderweise eine Art Maske, welche einerseits darauf berechnet ist, einen bestimmten Eindruck auf die an deren zu machen, andererseits die wahre Natur des Individuums zu verdecken ... Hinter der Maske entsteht dann das, was man ,,Privatleben" nennt Diese sattsam bekannte Trennung des Bewusstseins in zwei oft lächerlich verschiedene Figuren ist eine einschneidende psychologische Operation, die nicht ohne Folgen für das Unbewusste bleiben kann. (JUNG, zitiert nach WEHR 1969, S.47f.)

Der bewussten Persona steht im Unbewussten der Schatten gegenüber. Er meint speziell all die Eigenschaften, Gefühle, Gedanken etc. die den besonders starken bzw. stark gelebten Anteilen gegenüberstehen. So zeigt sich der Schatten auch häufig in dem, was wir an anderen besonders ablehnen oder sogar hassen. Mit dem Begriff ,,Schatten" verbinden sich i.d.R. negative Assoziationen (dunkle Seite), er kann aber durchaus auch ungelebte positive Anteile umfassen. Wirklich negativ wird er nach JUNG - wie alle Inhalte des Unbewussten - erst, wenn er nicht beachtet wird.

 

3.4 Die Typenlehre

Obwohl JUNG immer wieder betont, wie zentral für ihn die Individualität jedes einzelnen Menschen ist, hat er aus seiner Erfahrung eine Typenlehre entwickelt, die er allerdings nur als ,,Zugangshilfe" zur Psyche verstanden wissen möchte:

Durch Klassifikation ist die individuelle Seele nicht erklärt. Immerhin ist durch das Verständnis der psychologischen Typen ein Weg eröffnet zu einem besseren Verständnis der menschlichen Psychologie überhaupt. (zitiert nach WEHR 1969, S.58)

Als erste Stufe seiner Typenlehre unterscheidet JUNG zwischen ,,Extraversion" und ,,Introversion", wobei er das Verhältnis des Menschen zu seiner Um- und Mitwelt meint. Während sich der Extrovertierte mehr auf das Objekt (Außenwelt) ausrichtet, orientiert sich der Introvertierte an der Innenwelt (Subjekt).

Die Einstellung des Introvertierten ist, wenn normal gekennzeichnet durch ein zögerndes, reflexives, zurückgezogenes Wesen, das sich nicht leicht gibt, vor Objekten scheut, sich immer etwas in der Defensive befindet und sich gerne versteckt hinter misstrauischer Beobachtung. Die Haltung des Extrovertierten ist, wenn normal, charakterisiert durch ein entgegenkommendes, anscheinend offenes und bereitwilliges Wesen, dass sich leicht in jede gegebene Situation findet, rasch Beziehungen anknüpft und sich oft unbekümmert und vertrauensvoll in unbekannte Situationen hinauswagt, unter Hintansetzung etwaiger möglicher Bedenken. (zitiert nach WEHR 1969, S.51)

JUNG macht hier die wichtige Unterscheidung zwischen ,,Einstellung" und ,,Typus". Während sich die Einstellung im Laufe des Lebens wandeln kann, spricht man von Typus erst dann, wenn Extra- bzw. Introversion zu einem konstanten Wesenszug werden, sozusagen die seelische Grundstruktur, bestimmen.

Neben dieser Grundstruktur hat JUNG eine weitere Differenzierung in vier Typen nach den psychischen Grundfunktionen Denken, Fühlen, Empfinden und Intuieren vorgenommen. Diese Grundfunktionen teilt er auf in zwei Urteilsfunktionen (rational) und zwei

Wahrnehmungsfunktionen (irrational). Unter Urteilsfunktionen versteht JUNG Denken (,,Kopfurteil"= wahr oder falsch) und Fühlen (,,Bauchurteil" = angenehm oder unangenehm). Als

Wahrnehmungsfunktionen bezeichnet er Empfinden (sinnliche Wahrnehmungen) und Intuieren (,,übersinnliche" Wahrnehmungen). Diese Differenzierung ist zunächst verwirrend und missverständlich, weil im Alltag eher die Unterscheidung zwischen Denken (rational) und Fühlen (emotional = irrational) geläufig ist. Nach JUNG`s Definition ist dagegen auch Fühlen rational, weil es der Urteilsfindung dient. Empfinden und Intuieren dagegen sind für ihn irrationale Funktionen, weil sie ausschließlich der Wahrnehmung dienen.

Während ,,Empfinden" im wesentlichen Sinnesempfindung meint, die durch physischen Reiz vermittelt wird, verkörpert das Intuieren im Sinne C. G. JUNG`s eine Art ahnendes Wahrnehmen, ein Wahrnehmen, an dessen Zustandekommen vor altem das Unbewusste beteiligt ist. (WEHR 1 969, S.56)

Auch hier gilt wieder, dass sich die Funktionen jeweils zueinander komplementär verhalten: Kopf und Bauch stehen sich bei Entscheidungen in der Regel eher im Weg und eine Intuition kann man nicht haben, während man sich auf Sinneseindrücke konzentriert.

Jeder Mensch verfügt über alle vier Grundfunktionen in unterschiedlicher Ausprägung, wobei der einzelne nach JUNG durch das Vorherrschen einer Funktion (Hauptfunktion) und durch das Zusammenwirken der übrigen Funktionen ausgezeichnet ist (superiore Hilfsfunktion, inferiore Hilfsfunktion und minderwertige Funktion). Die der Hauptfunktion gegenüberliegende Seite (minderwertige Funktion) ist in der Regel unbewusst und gehört mit zum ,,Schatten". Der Denk-, Fühl-, Intuitions- und Empfindungstypus kann je nach seiner seelischen Grundstruktur extrovertiert oder introvertiert sein, d.h. dass sich nach JUNG insgesamt acht psychische Typen unterscheiden lassen.

JUNG erklärt anhand seiner Typenlehre beispielsweise die grundverschiedenen Lehren von FREUD und ADLER, die dennoch ihre jeweilige Gültigkeit haben. Während Ersterer sich mit seiner Sexualtheorie und der Verdrängung ins Unbewusste auf das Subjekt konzentriert, steht für den anderen die Außenorientierung (Sozialpsychologie) im Vordergrund:

Diese Verschiedenheit kann wohl nichts anderes sein als ein Temperamentsunterschied, ein Gegensatz von zwei Typen menschlicher Geistesart, wovon der eine die determinierende Wirkung überwiegend aus dem Subjekt, der andere dagegen aus dem Objekt ableitet... (zitiert nach WEHR 1969, S.58)

Man muss auch an JUNG`s Typenlehre denken, wenn man im ,,Handbuch der Gestalttherapie" von der ,,Linkshirnigkeit" FREUD`s (Denk-Typ) und der ,,Rechtshirnigkeit" (lntuitions-Typ) PERL`s liest (vgl. BAULIG 1999, S.255).

 

3.5 Individuation

Während das ,,Ich" (Ego) bei JUNG nur den bewussten Teil der Psyche meint, umfasst das ,,Selbst" auch das Unbewusste und ist damit dem bewussten Ich übergeordnet. Es drückt die Einheit und Ganzheit der Gesamtpersönlichkeit aus. Das Ziel der menschlichen Entwicklung ist nach JUNG die ,,Selbst-Werdung" oder Individuation.

Individuation bedeutet: zum Einzelwesen werden, und, insofern wir unter Individualität unsere innerste, letzte und unvergleichbare Einzigartigkeit verstehen, zum eigenen Selbst werden. Man könnte "Individuation" darum auch als ,,Verselbstung" oder als ,,Selbstverwirklichung" übersetzen. (JUNG, nach WEHR 1969, S. 40)

Im Allgemeinen tritt die Individuation erst in der zweiten Lebenshälfte in den Vordergrund im Sinne einer ,,Initiation in die innere Wirklichkeit" (Integration des Schattens). In der ersten Lebenshälfte dagegen hat i.d.R. noch die ,,Initiation in die äußere Wirklichkeit" Vorrang (Ausbildung der Hauptfunktion und der Persona).

Die Individuation erfolgt über die fortschreitende Integration bzw. Assimilation unbewusster Inhalte in das Bewusstsein. Dieser Prozess verläuft in mehreren Phasen: Am Anfang steht die Begegnung mit dem ,,Schatten" (den komplementären Seiten/minderwertigen Funktionen des bewussten Ich). Als Zweites folgt die Auseinandersetzung mit dem Animus / der Anima und in den weiteren Phasen tauchen immer neue Archetypen auf, welche Probleme bewusst machen sollen, die bewältigt und integriert werden müssen. Die wichtigste Unterstützung in der Arbeit am lndividuationsprozess bieten Träume, weil sie eine Brücke zum Unbewussten darstellen.

 

4. Entwicklungsstufen der Psychotherapie nach JUNG

JUNG unterteilt die Entwicklung der (analytischen) Psychotherapie in einem Aufsatz von 1929 (,,Die Probleme der modemen Psychotherapie". In: JUNG 1995, 5. 64-85) in vier Stufen: Bekenntnis, Aufklärung, Erziehung und Verwandlung:

Unter Bekenntnis versteht er die ,,kathartische Methode", deren Anfänge schon in der Beichte zu sehen sind. Der therapeutische Effekt wird dadurch erreicht, dass verdrängte Erlebnisse, Gefühle, Taten etc. ausgesprochen und erneut durchlebt werden.

Die kathartische Methode bezweckt das völlige Bekenntnis, und zwar nicht nur die intellektuelle Feststellung des Tatbestandes durch den Kopf, sondern auch die Auslösung der zurückgehaltenen Affekte, die Feststellung des Tatbestandes durch das Herz. (JUNG 1995, S.70)

Für die zweite Stufe (Aufklärung) steht die FREUD`sche Psychoanalyse, welche das Ziel hat, solche Hintergründe von neurotischem Verhalten mit Hilfe der Übertragung zu erforschen und bewusst zu machen, welche der Patient nicht verdrängt hat, sondern die ihm noch nie bewusst waren (z.B. Ödipuskomplex).

Während die kathartische Methode im Wesentlichen bewusstseinsfähige Inhalte, die normalerweise Bewusstseinsteile sein sollten, dem Ich wieder zurückbringt, holt die Aufklärung der Übertragung Inhalte herauf, die in solcher Form kaum je bewusstseinsfähig waren. Das ist der prinzipielle Unterschied zwischen der Bekenntnis- und der Aufklärungsstufe. (S.73)

Die dritte Stufe Erziehung knüpft an die lndividualpsychologie ADLER`s an und an die Erfahrung, dass reines Bewusst machen in vielen Fällen nicht ausreicht, um falsches bzw. krankmachendes Verhalten zu ändern.

Die erzieherischen Absichten der ADLER`schen Richtung setzen genau da ein, wo FREUD aufhört, und beantworten damit das verstehbare Bedürfnis des Kranken, nunmehr, nach gewonnener Einsicht, auch den Weg zum normalen Leben zu finden. Diese Arbeit kann nur durch eigentliche Erziehung geleistet werden. Der Patient muss in des Wortes vollster Bedeutung in andere Bahnen ,,gezogen" werden, was nur durch einen erzieherischen Willen geleistet werden kann. (S.78)

Alle diese Stufen haben nach JUNG auch weiterhin ihre Richtigkeit und ihren Wert, darüber hinaus jedoch gibt es Fälle, in denen keine dieser Richtungen zum Erfolg führt, weil es den Patienten nicht reicht ,,Normalmenschen" zu sein. Das Bedürfnis dieser Patienten wird erst auf der vierten Stufe (Verwandlung) befriedigt, welche JUNG`s mit seiner Individuation meint. Patienten auf dieser Stufe stellen sich häufig Sinn-Fragen, welchen der Therapeut in gleicher Weise ausgesetzt ist. Therapie wird auf dieser Stufe zu einem gleichberechtigten Austausch, der beide Seiten ,,verwandelt". JUNG`s Vision geht letztendlich so weit, dass der lndividuationsprozess im Sinne einer Selbsterziehung zu einer Selbstverständlichkeit für alle (Gesunde wie Kranke) wird.

Es scheint mir, als ob die Erkenntnisse und Erfahrungen der analytischen Psychologie mindestens die Grundlagen dafür liefern könnten, denn mit dem Augenblick, wo eine ursprünglich ärztliche Psychologie den Arzt selber zum Gegenstand nimmt, hört sie auf bloße Behandlungsmethode für Kranke zu sein. Sie behandelt jetzt Gesunde oder wenigstens solche, die den moralischen Anspruch auf seelische Gesundheit erheben, deren Krankheit daher höchstens das Leiden sein kann, das alle quält. Deshalb erhebt diese Psychologie Anspruch darauf, Allgemeingut zu werden, und zwar in noch höherem Maße, als die vorangegangenen Stufen, die jede für sich schon Träger der allgemeinen Wahrheit sind. Aber zwischen diesem Anspruch und der heutigen Wirklichkeit liegt noch ein Abgrund, über den keine Brücke führt. Sie muss noch Stein um Stein gebaut werden. (S.85)

Diese Gedanken sind vor allem auch deswegen interessant, weil sie immerhin schon 70 Jahre alt sind.

 

5. Parallelen zwischen JUNG`s Psychotherapie und der Gestalttherapie

  • ,,Individuation" bei JUNG  ,,Heilung durch Wachstum" in der Gestalttherapie
  • JUNGs Kritik an der Vergangenheitsorientierung der Psychoanalyse - ,,Hier und Jetzt" in der Gestalttherapie

Zwar leugne ich keineswegs die Tatsache, dass viele Neurosen traumatogen sind, bestreite aber, dass alle Neurosen traumatisch verursacht seien im Sinne von ausschlaggebenden Kindheitserlebnissen. Diese Auffassung bedingt nämlich eine kausalistische, wesentlich aufs Vergangene eingestellte Aufmerksamkeit des Arztes, die immer nur nach dem Warum fragt und sich um das ebenso wesentliche Wozu nicht kümmert, oft zum größten Schaden des Patienten, der dadurch gezwungen wird, gegebenenfalls jahrelang nach einem unmöglichen Kindheitserlebnis zu forschen unter handgreiflichster Vernachlässigung von Dingen, die unmittelbar wichtig wären. (JUNG 1995, S.149 - Alle folgenden Zitate sind aus dem 16. Band seiner gesammelten Werke (,,Praxis der Psychotherapie").).

  • JUNGs Vorstellung von Psychotherapie als ,,dialektischem Verfahren" - ,,gleichberechtigte Begegnung" in der Gestalttherapie

Die Forderung, dass der Analytiker selber analysiert sein müsse, gipfelt in der Idee des dialektischen Verfahrens, wo der Therapeut nämlich sowohl als Fragender wie als Antwortender in Beziehung zu einem anderen psychischen System tritt, nicht mehr als Übergeordneter, Wissender, Richter und Ratgeber, sondern als ein Miterlebender, der ebenso sehr im dialektischen Prozess sich befindet wie der nunmehr so genannte Patient." (S.20)

Es ist mit keinem Kunstgriff zu vermeiden, dass die Behandlung das Produkt einer gegenseitigen Beeinflussung ist, an welcher das ganze Wesen des Patienten sowohl wie das des Arztes teilhat. (S.81)

  • JUmgang mit Widerständen

Die Widerstände des Patienten können wertvolle Wegweiser im Zweifelsfalle sein. Ich bin geneigt, tiefsitzende Widerstände zunächst ernst zu nehmen — so paradox dies auch klingen mag. Ich bin nämlich der Überzeugung, dass der Arzt es nicht notwendigerweise besser weiß als der Patient, respektive dessen seelische Beschaffenheit, die ihm selber ja ganz unbewusst sein kann. (S.51)

  • ,,Assimilation" bei JUNG  ,,Integration" in der Gestalttherapie

Unter Assimilation in diesem Fall wäre gegenseitige Durchdringung bewusster und unbewusster Inhalte gemeint, nicht eine einseitige Bewertung, Umdeutung und Umbiegung der unbewussten Inhalte durch das Bewusstsein, wie dies gemeiniglich gedacht und auch praktiziert wird. (S.157)

Auf diese Weise kommt Verdrängtes und Verlorenes wieder zurück. Schon das ist ein Gewinn — wenn auch gelegentlich ein peinlicher -, denn das Minderwertige und selbst das Verwerfliche gehört zu mir und gibt mir Wesenheit und Körper, es ist mein Schatten. Wie kann ich wesenhaft sein, ohne einen Schatten zu werfen? Auch das Dunkle gehört zu meiner Ganzheit, und indem ich mir meines Schattens bewusst werde, erlange ich auch die Erinnerung wieder, dass ich ein Mensch bin, wie alle anderen. (S.70)

  • ,Verzicht auf Zielorientierung bei JUNG - Ausgehen vom "Hier und Jetzt" in der Gestalttherapie

Das mag vielleicht befremdlich erscheinen, denn vom Therapeuten wird doch gemeiniglich vorausgesetzt, dass er ein Ziel habe. In der Psychotherapie scheint es mir geradezu ratsam, wenn der Arzt kein zu sicheres Ziel hat. Er kann es wohl kaum besser wissen, als die Natur und als der Lebenswille des Kranken. (S.52f.)

  • Malen als Zugang zum Unbewussten bzw. als Hilfe zur Assimilation/ Integration unbewusster Anteile

Es braucht zum Beispiel ein Patient nur einige Male gesehen zu haben, wie er aus einem miserablen seelischen Zustand dadurch erlöst wird, dass er ein symbolisches Bild anfertigt, um stets wieder zu diesem Mittel zu greifen, sobald es ihm schlecht geht. ... Er hängt jetzt nicht mehr von seinen Träumen ab und nicht mehr vom Wissen des Arztes, sondern, indem er sozusagen sich selber malt, kann er sich selber gestalten. Denn was er malt, sind wirkende Phantasien, es ist das, was in ihm wirkt. (S.60)

  • Träume als ,,Wegweiser"

Ich habe keine Traumtheorie, ich weiß nicht, wie Träume zustande kommen. Ich bin auch durchaus nicht sicher, ob meine Art, mit den Träumen umzugehen, überhaupt den Namen Methode verdient Dieses Etwas ist natürlich kein wissenschaftliches Resultat, mit dem man prunken könnte, oder das sich rationalisieren ließe, sondern es ist ein praktischer Wink, welcher dem Patienten zeigt, wohin der unbewusste Weg zielt. (S.54)

In diesem Sinne kann man die Kompensationslehre als eine Grundregel für das psychische Verhalten überhaupt erklären. Das Zuviel hier erzeugt ein Zuwenig dort. So ist auch das Verhältnis zwischen bewusst und unbewusst ein kompensatorisches. Die ist eine der am besten bestätigten Handwerksregeln der Traumdeutung. Immer können wir mit Nutzen in der praktischen Traumdeutung die Frage aufwerfen: Welche bewusste Einstellung wird durch den Traum kompensiert? (S.158)

 

6. Traumarbeit

(Aus einem Referat über ,,Die praktische Verwendbarkeit der Traumanalyse" von 1931 (In: JUNG 1995, S.147ff.))

Da die Traumarbeit einen zentralen Anknüpfungspunkt zwischen der JUNG`schen Psychotherapie und der Gestalttherapie bildet, hier einige Kernaussagen:

  • Nach JUNG können Träume auf der ,,Objekt-" oder auf der ,,Subjekt-Stufe" stattfinden und gedeutet werden. Träume auf der Objekt-Stufe haben mit Objekten, Dingen und Personen aus der Umwelt des Träumenden zu tun. In der Deutung bezieht man sich auf die Beziehung des Träumenden zu diesen Dingen / Personen in der Realität. Träumen auf der Subjekt-Stufe heißt, dass sich sämtliche Traumbilder auf die subjektive Verfassung des Träumenden beziehen. Hier richtet man die Aufmerksamkeit in der Deutung auf die eigenen Anteile des Träumers an den Bestandteilen des Traums.

    So gesehen ist die ganze Traumschöpfung subjektiv, und der Traum ist jenes Theater, wo der Träumer Szene, Spieler, Souffleur, Regisseur, Autor, Publikum und Kritiker ist. Diese einfache Wahrheit ist die Grundlage jener Auffassung des Traumsinnes, die ich als Deutung auf der Subjektstufe bezeichnet habe. Diese Deutung fasst, wie der Terminus sagt, alle Figuren des Traumes als personifizierte Züge der Persönlichkeit des Träumers auf. (zitiert nach WEHR 1969, S.110)

Die Gestalttherapie geht hier mit dem Agieren des Traumes noch einen Schritt weiter.

  • Im Gegensatz zu FREUD betont JUNG, dass die Deutung von Träumen im Dialog zwischen Arzt und Patient erfolgen soll. JUNG sieht die Aufgabe des Therapeuten darin, mit dem Patienten möglichst viele Deutungsmöglichkeiten zu den einzelnen Traumelementen zusammenzutragen, bis sich ein Gesamt-Sinn rekonstruieren lässt. Dieses Vorgehensweise nennt JUNG ,,Amplifikationsmethode".

  • Während FREUD mit ,,freien Assoziationen" gearbeitet hat, legt JUNG Wert darauf, in der Assoziation im Kontext des Traumes zu bleiben, weil nur so die individuelle Aussage des Traumes gefunden werden kann. Freies Assoziieren dagegen führt ,,nur" zu Komplexen (verdrängten Persönlichkeitsanteilen) und von der spezifischen Botschaft des Traumes weg.

  • JUNG plädiert - wieder im Gegensatz zu FREUD - dafür, Träume in erster Linie als das zu nehmen, was sie sind, d.h. das zu betrachten, was sie zeigen und sie nicht im Vorhinein als symbolisch zu sehen.

    Wenn ich Zucker im Urin finde, so ist es Zucker und nicht bloß eine bloße Fassade für Eiweiß. Was FREUD ,,Traumfassade" nennt, ist die Undurchsichtigkeit des Traumes, was aber in Wirklichkeit bloße Projektion des Nichtverstehens ist, das heißt man spricht nur deswegen von Fassade, weil man keine Einsicht in den Traum hat. Sagen wir darum besser, es handle sich um etwas wie einen unverständlichen Text, der überhaupt keine Fassade hat, sondern nur von uns einfach nicht gelesen werden kann. Dann brauchen wir auch nicht zu deuten, was dahinter sein könnte, sondern müssen ihn zuerst lesen lernen. (S.154)

  • Das Deuten von Träumen ist nach JUNG immer mit Unsicherheit verbunden, relative Sicherheit erreicht man erst in der Deutung von Traumserien.

 

6.1 Beispiel einer JUNG`schen Traumdeutung

Der Träumende ist ein Mann, der es als strebsamer Sohn eines armen Bauern weit gebracht hat und in einer führenden Stellung steht, welche Aussicht auf weiteren Aufstieg bietet. In dieser ,,Sprungbrett-Situation" kommt der Patient mit Symptomen in die Therapie, welche der Bergkrankheit ähneln: Ängstlichkeit, Schwindel, Erbrechen, Atembeklemmung. JUNG beschreibt zwei Träume.

Traum 1:
Der Mann findet sich in seinem Geburtsdorf wieder und hört, wie sich Bauern-jungen, die mit ihm zur Schule gegangen sind, darüber unterhalten, dass er nicht mehr oft ins Dorf zurückkehre. JUNG`s Deutung: ,,Du vergisst, wie tief unten du begonnen hast."

Traum 2:
Der Mann hastet zum Bahnhof in Sorge seinen Zug zu verpassen, wobei er kaum von der Stelle kommt. Er verpasst den Zug, welchen er gerade noch aus dem Bahnhof fahren sieht. Er ahnt, dass der Zug wegen einer 5-förmigen Kurve entgleisen wird, wenn der Zugführer nicht aufpasst und Volldampf gibt, was dann tatsächlich geschieht. Eine furchtbare Katastrophe, aus der der Patient mit Angst erwacht. JUNG deutet dies als Parallele zu seiner ,,Volldampf-Karriere", welche zu Neurose, Schwanken und Entgleisung führt. Seines Erachtens ist die Neurose in diesem Fall eine Warnung aus dem Unbewussten, sich mit dem Erreichten zu begnügen und sich nicht zu weit von seinen Wurzeln zu entfernen. In der Realität wurde die Therapie abgebrochen und der Mann ,,entgleiste", in dem Versuch weiter aufzusteigen, völlig.

Die alleinige Vermutung aufgrund der Anamnese, dass der Patient an seine Grenzen stößt, kann nach JUNG durchaus falsch sein, der Traum dagegen erhärtet sie.

Hier nun kommt der Traum herein, als die Äußerung eines unwillkürlichen, dem Einfluss des Bewusstseins entzogenen, unbewussten seelischen Prozesses, der die innere Wahrheit und Wirklichkeit so darstellt, wie sie ist; nicht, weil ich sie so vermute, und nicht, wie er [der Patient, der Verf.] sie haben möchte, sondern, wie sie ist.

Ich fasse also den Traum als diagnostisch verwertbare Tatsache auf. ... Der Traum gab uns nicht nur die Ätiologie der Neurose, sondern auch eine Prognose, ja noch mehr: wir wissen sogar unmittelbar, wo die Therapie einzusetzen hat. Wir müssen den Patienten verhindern, Volldampf zu geben. Er sagt es ja zu sich selber im Traum. (S.148)

Träume dienen somit nach JUNG nicht allein dazu, die Krankheitsursachen aufzudecken.

Gerade unser Beispiel könnte zeigen, dass zwar die Ätiologie deutlich hervorgehoben ist, daneben aber noch die Prognose oder Antizipation und überdies ein therapeutischer Wink gegeben ist. (S.149)

In der Arbeit mit Träumen geht es nicht darum, dass der Therapeut jeden Traum seines Klienten versteht. Nach JUNG ist es im Gegenteil sogar ,,therapeutisch ungemein wichtig, sein Nichtverstehen beizeiten einzusehen, denn nichts ist dem Patienten unzuträglicher, als immer verstanden zu werden", weil es ,,zu hartnäckigen Übertragungen und zur Verzögerung des Heilerfolgs" führen kann (S.151). Abgesehen davon, hilft es oft auch nicht weiter, wenn der Therapeut meint, den Traum verstanden zu haben, solange der Patient ihn nicht versteht.

In diesem Fall, das heißt, wo das Verstehen einseitig ist, würde ich ruhig von Nichtverstehen reden, denn im Grunde genommen kommt es sehr wenig darauf an, ob der Arzt versteht; alles aber hängt davon ab, ob der Patient versteht. Das Verständnis sollte daher vielmehr ein Einverständnis sein, ein Einverständnis, das die Frucht gemeinsamer Überlegungen ist. (S.151)

Jede Traumdeutung, die - selbst wenn sie fundamental richtig sein sollte - nicht das freiwillige Einverständnis des Patienten erreicht, bleibt praktisch unrichtig;

unrichtig auch deshalb, weil es die Entwicklung des Patienten antizipiert und dadurch lähmt. Der Patient muss nämlich nicht von seiner Wahrheit belehrt werden - so wendet man sich nämlich nur an seinen Kopf, sondern er muss sich vielmehr zu dieser Wahrheit entwickeln - und so erreicht man sein Herz, was tiefer ergreift und stärker wirkt. (S.151).

 

7. Literatur

Baulig Volkmar Psychoanalytische Wurzeln der Gestalttherapie. In: R. Fuhr/M. Sreckovic / M. Grammler-Fuhr (Hg.): Handbuch der Gestalttherapie. Göttingen, S. 245-261,1999
Jung C.G. Zugang zum Unbewußten. In: Ders. (Hg.): Der Mensch und seine Symbole. Olten, S. 20-103, 1968
Praxis der Psychotherapie (Gesammelte Werke, Band 16). Düsseldorf, 1995
Kriz Jürgen Grundkonzepte der Psychotherapie - Eine Einführung. Weinheim, S.64-76, 1994
Wehr Gehrhard C. G. JUNG. Hamburg (rowohlts monographien),1969
 
[ggl horiz]
Dipl.-Psych. Volker Drewes
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