“Das Kreuz mit der Lan­ge­wei­le”

Es ist schon frap­pie­rend, wie häu­fig einem in Corona-Zeiten der Begriff “Lan­ge­wei­le” über den Weg läuft. Auch das Inter­net ist voll davon. Aber das Phä­no­men der Lan­ge­wei­le wird fast immer unter einem bestimm­ten Gesichts­punkt betrach­tet: es sei ein uner­träg­li­ches Gefühl, das man schnell los­wer­den müs­se. Es wer­den Tipps, Rate­spie­le und Beschäf­ti­gungs­vor­schlä­ge en mas­se ange­bo­ten. Vor allem Kin­der dür­fen sich nicht lang­wei­len, weil das dann wie­der die Eltern nervt. Die­ser Ansatz ist aus psy­cho­lo­gi­scher Sicht grund­falsch.

Zunächst ein­mal sagt uns die moder­ne Hirn­for­schung, dass in dem Moment, in dem kei­ne Rei­ze von außen zur Ver­fü­gung ste­hen, das Gehirn selbst beginnt, Akti­vi­tä­ten zu ent­fal­ten, mit denen z.B. unse­re Phan­ta­sie ange­regt wird. Es sorgt also gewis­ser­ma­ßen für sich selbst. Dabei ist ent­schei­dend, dass der Orga­nis­mus immer ver­sucht, mit sei­ner Umwelt Kon­takt auf­zu­neh­men — und sei es mit Hil­fe der Kraft der eige­nen Vor­stel­lung. Nor­ma­ler­wei­se nen­nen wir dies auch “Bedürf­nis­be­frie­di­gung”. Nur: dies Bedürf­nis muss auch wahr­ge­nom­men wer­den. Und genau an die­sem Punkt pas­siert häu­fig etwas Selt­sa­mes. Das Auf­kom­men eines Bedürf­nis­ses kann näm­lich blo­ckiert wer­den. Die­se Blo­cka­de führt dann schließ­lich dazu, dass der natür­li­che Organismus-Umwelt-Kontakt nicht mehr funk­tio­niert: ich habe Lust auf einen Apfel, ich über­le­ge, wo ich den jetzt bekom­men kann, ich über­win­de mög­li­che Hin­der­nis­se (gehe zur Bank, um Geld abzu­he­ben), ich besor­ge mir den Apfel, esse ihn genuss­voll und bin schließ­lich mit dem Ergeb­nis auch zufrie­den, d.h. ich kann einen Moment pas­siv sein — bis wie­der ein neu­es Bedürf­nis auf­taucht. 

Die­ser Pro­zess wird unter­bro­chen, wenn ein ursprüng­li­ches Bedürf­nis nicht in den Vor­der­grund tre­ten darf. Dies geschieht dann, wenn der Befrie­di­gung des Bedürf­nis­ses etwas im Wege steht, was mit unan­ge­neh­men Gefüh­len oder unan­ge­neh­men Gedan­ken ver­bun­den ist. Oft ist dies ein Gefühl der Ent­täu­schung, der Aggres­si­on oder Wut, oder ein Gefühl von Ohn­macht. Die­se Gefüh­le und Gedan­ken kön­nen voll­kom­men unbe­wusst ablau­fen. Um die­sen Zustand schließ­lich ertra­gen zu kön­nen, ent­wi­ckelt sich dann ein Sym­ptom. Und die­ses Sym­ptom ist die Lan­ge­wei­le.

Anders gesagt, die Lan­ge­wei­le gibt uns einen Hin­weis, dass irgend­et­was nicht in Ord­nung ist. Dass ein unan­ge­neh­mer Kon­flikt im Ver­bor­ge­nen schlum­mert. Was wir dann tun müs­sen ist dann eben nicht, uns davon abzu­len­ken, son­dern die­ses Gefühl zuzu­las­sen und etwas aus­zu­hal­ten. Meist kommt dann Ärger oder Wut auf, der sich zunächst auf die eige­ne Per­son rich­tet. Wenn man sich die­sen Mecha­nis­mus jedoch bewusst­macht, dann kann man schnell erken­nen, dass sich die Wut oder ein nega­ti­ver Gedan­ke nach Außen rich­tet. Dies ist bei Kin­dern genau­so. Wenn sie sich lang­wei­len, steckt meist ein Bedürf­nis dahin­ter, dass sie in einem jewei­li­gen Moment nicht zei­gen kön­nen. Statt also dem Kind irgend­et­was anzu­bie­ten, soll­te man es eher dar­in unter­stüt­zen, sein eigent­li­ches Bedürf­nis zum Aus­druck zu brin­gen.

Was noch hin­zu kommt: in dem Moment, in dem ein Kon­takt mit der Umwelt wie­der­her­ge­stellt ist, wird auch die eige­ne Krea­ti­vi­tät ange­regt. Dann spre­chen wir nicht mehr von Lan­ge­wei­le, son­dern von krea­ti­ver Indif­fe­renz, Dies ist ein Zustand, in dem sich ein Orga­nis­mus sozu­sa­gen „schwe­ben­der­wei­se“ in einer neu­tra­len Mit­te befin­det, um dann durch Aus­pro­bie­ren, Zustim­men und Ver­wer­fen etwas Krea­ti­ves in Gang zu set­zen. Das kann man bei Kin­dern wun­der­bar bei ihrem Spiel beob­ach­ten. Da kann kei­ne Lan­ge­wei­le auf­kom­men.

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Der psychologische Gedanke