„Per­sön­lich­keits­ent­wick­lung: Kon­takt­auf­nah­me zur Umge­bung — Übung #2“

Input (Lesen zur Vor­be­rei­tung auf die Übung *: “Spü­ren von Gegen­kräf­ten”)

Der Mensch ist ein sozia­les bzw. „Kon­takt­we­sen“. Alle sei­ne Sin­ne die­nen dazu, mit der Umwelt zu kom­mu­ni­zie­ren, sie wahr­zu­neh­men und sie zu bewer­ten. Wenn wir von die­ser Prä­mis­se aus­ge­hen, dann kön­nen wir auch gleich­zei­tig fest­stel­len, dass alle „Pro­ble­me“, die ein Mensch hat, letzt­end­lich etwas mit der Art und Wei­se zu tun haben, wie er mit der Umwelt Kon­takt auf­nimmt: Ich bin trau­rig ÜBER etwas; ich fürch­te mich VOR jeman­dem; ich bin nie­der­ge­schla­gen, WEIL ich mich macht­los füh­le. Und macht­los fühlt man sich, wenn man sich so erlebt, als ob man kei­ne Wir­kungs­macht hät­te.

Die Qua­li­tät der Kon­takt­auf­nah­me zur Umge­bung ist also ent­schei­dend für das Wohl­be­fin­den eines Orga­nis­mus. Wir spre­chen hier all­ge­mein vom „Orga­nis­mus“, weil der hier beschrie­be­ne Wir­kungs­zu­sam­men­hang nicht nur für den Men­schen, son­dern für alle Arten von Orga­nis­men zutrifft. Ist der Kon­takt zur Umwelt gestört, lei­det der Orga­nis­mus. Beim Men­schen spre­chen wir dann von einem „Kon­flikt“. Oder wir for­mu­lie­ren es so: der gestör­te Kon­takt zur Umwelt kann auf ein gestör­tes Gleich­ge­wicht im Organismus-Umwelt-Feld zurück­ge­führt wer­den.

Was sind nun die Vor­aus­set­zun­gen für die Auf­recht­erhal­tung eines gesun­den Gleich­ge­wich­tes im Organismus-Umwelt-Feld?

Um die­se Fra­ge zu beant­wor­ten, müs­sen wir uns zwei Gesetz­mä­ßig­kei­ten anschau­en. Die ers­te ken­nen wir schon aus unse­rem Blog-Beitrag … (Spi­no­za), das Pola­ri­täts­prin­zip. Die­ses übt sei­nen Ein­fluss auf das Organismus-Umwelt-Feld aus, indem es Unter­schie­de ein­führt, die dadurch her­vor­ge­ru­fen wer­den, dass es zu fast allen Din­gen immer auch sein Gegen­teil gibt. Wir kön­nen dazu auch Bei­spie­le aus der Phy­sik anfüh­ren: ein Fahr­stuhl kann nur nach unten fah­ren, wenn es auch ein nach oben fah­ren gibt; oder aus der Che­mie, wenn wir mit einer Waa­ge etwas mes­sen wol­len. Ohne Unter­schie­de kön­nen wir kei­ne Ände­run­gen im Gleich­ge­wicht wahr­neh­men. Dies führt uns zum zwei­ten Gesetz aus der Wahr­neh­mungs­psy­cho­lo­gie bzw. der Gestalt­psy­cho­lo­gie, das der Figur-Grund-Wahrnehmung. Vie­le von Ihnen ken­nen viel­leicht die­ses Bild, das zum einen eine Vase und zum ande­ren zwei Gesich­ter zeigt – je nach­dem was von bei­den ent­we­der im Vor­der­grund oder im Hin­ter­grund wahr­ge­nom­men wird:

Ein gesun­des Organismus-Umwelt-Feld ent­steht dann, wenn sowohl eine Dyna­mik zwi­schen den Polen ent­steht und wenn Vorder- und Hin­ter­grund unter­schie­den wer­den kön­nen.

Was bedeu­tet das nun für den Men­schen und sei­nen Kon­takt mit der Umwelt?

Neh­men wir als Bei­spiel eine Pola­ri­tät, die im zwi­schen­mensch­li­chen Bereich immer eine sehr wich­ti­ge Rol­le spielt: die Pola­ri­tät in Bezug auf den Wunsch nach Auto­no­mie einer­seits und auf der ande­ren Sei­te den nach Bin­dung bzw. Nähe. Viel­fäl­ti­ge Kon­flik­te kön­nen ent­ste­hen, wenn hier eine Sei­te über­be­tont wird oder „fest­ge­fah­ren“ erscheint; oder wenn die eine Sei­te als „schlecht“ und die ande­re als „gut“ bewer­tet wird. Außer­dem spielt sich ein sol­cher Kon­flikt immer vor einem bestimm­ten Hin­ter­grund ab: das Ver­hal­ten, was im Vor­der­grund sicht­bar ist (z.B,. „abhän­gi­ges Ver­hal­ten“), wird im Hin­ter­grund durch erlit­te­ne Trau­ma­ta oder rigi­de Über­zeu­gun­gen auf­recht­erhal­ten. Nur wenn der Hin­ter­grund auch in den Vor­der­grund tre­ten darf – wenn wir uns also die „dahin­ter“ lie­gen­den Ängs­te bewusst machen — und wenn bei­de Pole gleich­wer­tig und dyna­misch betrach­tet wer­den kön­nen, wird es zu einem gesun­den Organismus-Umwelt-Feld kom­men. In einer Bezie­hung kön­nen dann bei­de Sei­ten sowohl ihre Bindungs- als auch ihre Auto­no­mie­wün­sche leben.

Wor­an erkennt man nun ein gesun­des Organismus-Umwelt-Feld, was sind sei­ne Bedin­gun­gen?

Dazu die fol­gen­de Übung:

ÜBUNG: “Spü­ren von Gegen­kräf­ten”

Den­ken Sie sich eini­ge Gegen­satz­paa­re, in denen es bei­de Tei­le nicht geben könn­te ohne die wirk­li­che oder ange­nom­me­ne Exis­tenz ihres Gegen­teils. Schrei­ben Sie die Gegen­satz­paa­re auf und prü­fen Sie danach die fol­gen­den Fra­gen.

  • Wel­che Unter­schie­de haben Sie beim Auf­fin­den der Gegen­satz­paa­re fest­ge­stellt?
  • Gab es Gegen­sät­ze, die eigent­lich kei­ne sind, bzw. nur in einem bestimm­ten Kon­text?
  • Gab es Gegen­sät­ze mit einer „mitt­le­ren Posi­ti­on“ (z.B. Anfang – Mit­te – Ende)? Bei die­ser Art von Gegen­sät­zen gibt es einen neu­tra­len Null- bzw. Indif­fe­renz­punkt.
  • Wie sieht es mit den Gegen­kräf­ten aus, die jeweils ein Pol auf den ande­ren aus­übt? Bei­spiel von unter­schied­li­chen Gegen­kräf­ten: 1. Ein Flug­zeug auf einem Flug­zeug­trä­ger kurz vor dem Abhe­ben. Hier besteht der Gegen­satz nicht zwi­schen Vor­wärts und Rück­wärts son­dern zwi­schen Star­ten und Nicht-Starten. 2. Ein Bei­spiel für einen Vorwärts-Rückwärts-Konflikt wäre ein Schiff, das zu schnell auf sei­nen Anle­ge­platz zuläuft und zurück­schal­ten muss.
  • Ver­su­chen Sie, die Bei­spie­le aus der Phy­sik auf zwi­schen­mensch­li­che Kon­flik­te zu über­tra­gen. Wel­cher Vorwärts-Rückwärts-Konflikt fällt Ihnen in die­sem Zusam­men­hang ein?

* Die Übun­gen beru­hen auf dem 2. Teil von “Gestalt-Therapie” (Titel: “Wie­der­be­le­bung des Selbst”) von Perls, Hef­fer­line, Good­man, Kon­zep­te der Human­wis­sen­schaf­ten, Klett-Cotta, 3. Auf­la­ge 1985 (Ori­gi­nal erschie­nen 1951, The Juli­an Press, N.Y.)

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