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Eltern-Kind-Beziehung

Grundlagen und Aufbau

 

Die Entwicklung der menschlichen Persönlichkeit

Menschen unterliegen einem ständigen Veränderungsprozess, der vor allem in den frühen Lebensabschnitten durch Wachstum, Reifung und Differenzierung gekennzeichnet ist. Später ist es wichtig, die in der Kindheit aufgebaute Struktur der Persönlichkeit zu erhalten und zu stabilisieren. Das Individuum steht in einer Wechselbeziehung zu seiner Umwelt, d.h. mit den Menschen und Dingen, die für den Menschen Bedeutung haben. Diese Wechselbeziehung spielt eine zentrale Rolle bei dieser Entwicklung. Jede Entwicklungsphase des Kindes hat ihren eigenen Wert und ihre eigene Bedeutung für die Entwicklung, und alle Entwicklungsstufen hinterlassen im Menschen eine Erinnerungsspur. Sie bleiben als Möglichkeiten des Erlebens und Funktionierens erhalten und können in bestimmten Situationen wiederbelebt werden. So können Erfahrungen und Erlebensweisen wieder auftauchen, die dem bewussten Gedächtnis entfallen oder nie in ihm gespeichert wurden. Für das psychoanalytische Konzept ist es wichtig zu erfahren, was in den früheren Lebensabschnitten erlebt wurde, denn diese Erfahrungen werden als Untergrund des späteren Fühlens und Denkens angesehen. Es gibt in der kindlichen Entwicklung zahlreiche Störungsmöglichkeiten und Fehlentwicklungen, die eine Anlage für eine spätere Symptombildung abgeben können. Dass gerade den früheren Lebensjahren so große Bedeutung zukommt liegt an der Tatsache, dass Störfaktoren in diesen Phasen auf reifende Funktionen treffen, d.h. Funktionen, die das Kind in diesen Phasen lernen muss. Aus diesem Grund ist die Beziehung zu den Eltern so wichtig, da sie die Bezugspersonen des Kindes sind, von dem das Kind abhängig ist und von denen es alle wichtigen Funktionen lernen soll. Können die Eltern das Kind nicht ausreichend lieben und unterstützen und ihm keine verlässliche Beziehung bieten, kann es zu gravierenden Störungen in der kindlichen Entwicklung kommen.

 

Das erste Vierteljahr: Grundlagen des Kommunikationssystems

a) Körperliche Entwicklung

Um zu überleben, ist das Neugeborene davon abhängig, dass seine körperlichen Bedürfnisse, wie Nahrung, Wärme, Hautpflege, Reizzufuhr bzw. Reizschutz, von einer Betreuungsperson verlässlich zur Kenntnis genommen und befriedigt werden. Die Motorik ist noch völlig ungerichtet, und die optische und akustische Wahrnehmung muss erst noch entwickelt werden.

b) Psychische Entwicklung

Die Gefühle des Säuglings sind körpernah und schwanken zwischen den Polen schläfrigen Wohlbehagens und wacher Aufmerksamkeit. Es wird davon ausgegangen, dass das Kind noch kein erlebendes Ich hat und dementsprechend auch noch keine Unterscheidung zwischen der eigenen Person und anderen Menschen und Dingen kennt. Neuere Forschungsansätze weichen hiervon zum Teil ab und gehen davon aus, dass das Kind bereits in diesem Alter in der Lage ist, Differenzierungen vorzunehmen (der "intelligente Säugling"). Im wesentlichen ändert dies aber nichts an der Tatsache, dass der Säugling auf die Unterstützungsfunktionen seiner Umwelt angewiesen ist, um seine psychische Entwicklung positiv vorantreiben zu können.

c) Soziale Entwicklung

Da das Neugeborene vollständig darauf angewiesen ist, von den Erwachsenen versorgt zu werden und die Erwachsenen einen Großteil ihrer Aufmerksamkeit darauf richten müssen, diese Versorgungsaufgaben zu erfüllen, entsteht eine höchst spezifische Beziehungsform. Es ist eine extrem asymmetrische Beziehung, da der eine ganz für den anderen da sein muss, ohne dass dies umgekehrt möglich ist.

Die Beziehung beschränkt sich nicht auf die körperliche Versorgung. Das Kind hat von Geburt an eine besondere Aufmerksamkeit für bewegliche Dinge (besonders das menschliche Gesicht), und der Säugling aktiviert beim Erwachsenen angeborene Verhaltensmuster, die Aufmerksamkeit, Fürsorglichkeit und Behutsamkeit und spezielle Sequenzen des Kontaktverhaltens beinhalten.

"Die angeborene Aufmerksamkeit des Säuglings für das lebendige menschliche Gesicht, seine prinzipielle neugierige Ausrichtung auf etwas, das nach und nach als das andere, das Draußen, das Nicht-Ich erfahren wird, lässt sich als Intentionalität [Ausrichtung der psychischen Aktivität auf ein reales Ziel, der Verf.] beschreiben. Diese heranreifende, sich entfaltende Funktion der Intentionalität stellt die Grundlage für den Aufbau des Kommunikations-Systems dar, für den Austausch von Signalen zwischen einem allmählich erwachenden Subjekt und einem interessanten Draußen, das zunächst noch keine personale Kontur besitzt, sondern größtenteils atmosphärisch, medial erscheint" (Rudolf, 1996, S. 28).

d) Mögliche Störungen und ihre Folgen

Das Kind ist in dieser Entwicklungsphase ganz besonders auf die verlässliche Versorgung durch die Erwachsenen angewiesen, auf Angebot von Nahrung, Haut- und Blickkontakt, ausreichende Reizzufuhr und Schutz vor Reizüberflutung. Daher spielt die so genannte "Passung" zwischen Kind und Beziehungsperson in dieser Phase eine wichtige Rolle.

In den frühen Lebensabschnitten entwickeln sich Kernbereiche der Persönlichkeit, vor allem eine allgemeine emotionale Aufmerksamkeit für die Welt und die Menschen, die so genannte Intentionalität (s.o.), und es entwickelt sich ein grundsätzliches Wissen darüber, dass eine kommunikative Brücke zu anderen Menschen möglich ist. Diese frühen Erfahrungen des Sicht-Aufeinander-Einstellens (Synchronisierung) werden als beruhigend erlebt. "Wenn aufgrund früher Einschränkungen diese banale Zuversicht nicht entwickelt werden konnte, wenn bei mangelnder emotionaler Verfügbarkeit der erwachsenen Bezugsperson und bei fehlender Erfahrung der Synchronisierung der frühe emotionale Kern der Persönlichkeit labialisiert bleibt, dann besteht die Gefahr, dass der spätere Erwachsene in bestimmten Belastungssituationen das Erleben hat, den Bezug zur Welt und damit auch zu sich selbst zu verlieren; er verliert die Überzeugung eines körperlichen und psychischen Ich ebenso wie die Evidenz einer wirklichen Welt, was als Weltuntergangsgefühl und Selbstverlusterleben panische Angst auslösen kann" (Rudolf, 1996, S. 29). Diese Gefühle werden durch spezifische Abwehrformen vermieden. Nach psychoanalytischer Sicht hat der Ausbruch psychotischer oder psychosomatischer Symptome damit zu tun, dass diese Abwehr zusammenbricht.

 

Das erste Lebensjahr: Aufbau des Bindungssystems

a) Körperliche Entwicklung

Am Ende des ersten Vierteljahres wächst das Interesse des Kindes an der Umwelt und seine Fähigkeit, sich mit ihr zu beschäftigen, von Tag zu Tag. Es bildet sich die Fähigkeit heraus, die Aufmerksamkeit aktiv auf etwas Bestimmtes auszurichten, und das Kind beginnt, seine motorischen Fähigkeiten zu entwickeln.

b) Psychische Entwicklung

Diese aktive Bezogenheit der Wahrnehmung und des Handelns auf andere Menschen begründet nach und nach die Erfahrung der eigenen Person (der Ich-haftigkeit). Das Kind lernt durch die Beschäftigung mit anderen Menschen und Dingen, zwischen Ich und Nicht-Ich zu unterscheiden. "Indem es selber handelt, seine Handlungen initiiert und kontrolliert, mehr und mehr Kompetenzen erwirbt und dabei sichtlich Funktionslust erlebt, wird es zunehmend zu einer psychischen Einheit mit einem "Ich" als Kern und abgegrenzt vom unbelebten und personalen Nicht-Ich" (Rudolf, 1996, S. 30). Innerhalb dieser sich zunehmend differenzierenden Welt der Personen heben sich wichtige heraus, indem sie mit positiven Gefühle belegt werden. In der zweiten Jahreshälfte kann das Kind die wichtigste Beziehungsperson identifizieren. Die so genannte "Acht-Monats-Angst" zeigt die ängstliche Reaktion des Kindes unvertrauten Personen gegenüber (und somit auch die Fähigkeit zu unterscheiden).

Die Gefühle des Säuglings zentrieren sich zwischen dem Gefühl der Zufriedenheit und dem der Unlust. Gefühle der Unlust können durch Hunger, Durst, Wärme, Kälte, zu wenig oder zu viel Reizzufuhr oder aus körperlichen Beschwerden verursacht werden. Für das Ausmaß und die Intensität der Unlust (natürlich auch der Zufriedenheit, die nur durch eine liebevolle und verlässliche Versorgung gewährleistet ist) ist zu einem großen Teil die Fähigkeit der Bezugsperson, diese Unlustgefühle aufzufangen, verantwortlich. Größere Mengen an Unlust und die damit verbundene körperliche und gefühlsmäßige Erregung kann das Kind nicht ohne die Hilfe der Bezugsperson verarbeiten.

c) Soziale Entwicklung

Hier geht es nun darum, dass in den ersten Lebenswochen entstandene Beziehungssystem auszubauen. Am Ende dieser Entwicklung soll die Bindung zwischen den Beziehungspartnern stehen. Diese Bindung soll ein verlässliches soziales System bilden, in dem einer das Bild des anderen verlässlich verinnerlicht hat und nun die Nähe und den Kontakt herstellen und beibehalten will. Im Rahmen der asymmetrischen Beziehung ist der Erwachsene derjenige, der dem Kind unterstützend zur Verfügung steht. Das Kind ist abhängig, und die Entfernung der versorgenden Beziehungsperson löst bei ihm starke Angst aus. Das Kind sucht von Anfang an eine Bezugsperson und ist sozial aktiv. Es ist das Kind selbst, das durch sein Verhalten die Erwachsenen dazu bringt, mit ihm in Beziehung zu treten. An dieser Beziehung lernt und übt das Kind menschliche Bezogenheit.

Ab dem 7.-9. Monat ist die Fähigkeit, sich aufeinander einzustellen so weit fortgeschritten, dass das Kind und seine Beziehungsperson gemeinsame Handlungsabsichten, Ziele der Aufmerksamkeit und aufeinander abgestimmte Gefühlszustände ausbilden können.

Die sich entwickelnde Beziehung zwischen der Bezugsperson und dem Kind ist individuell und ganz persönlich. Das Kind braucht die Sicherheit, diese Beziehung sowohl herstellen, als auch regulieren zu können. Diese Sicherheit bedeutet für das Kind Vertrauen darin, dass diese Person ihm verlässlich zugewandt ist, und sie ist notwendig dafür, dass das Kind Vertrauen in die eigene Fähigkeit, Beziehungen aufzubauen, erhält. "So lernt das Kind in der frühen Beziehung zugleich sich selbst über den anderen kennen und lieben. Es lernt, vereinfacht gesagt, wie man Beziehungen herstellt, wie man sie reguliert und ob man sich prinzipiell auf sie verlassen kann. So erwächst aus dem ständigen Gebrauch des frühen Kommunikationssystems die Zuversicht, darin verstanden und angenommen zu werden, selber "richtig" zu sein und das richtige Gegenüber zu haben.

Wichtig ist, dass die frühe Bezugsperson "gut genug" ist (Winnicott ["the good enough mother", d. Verf.]). Dazu müssen die Bedürftigkeit des Kindes und die Verfügbarkeit des Erwachsenen so zueinander passen, dass die unvermeidlichen Frustrationen und Enttäuschungen in ihrer Intensität und Dauer für das Kind ertragbar bleiben" (Rudolf, 1996, S. 31).

d) Störungsmöglichkeiten und die Folgen

Hier geht es um Risikofaktoren für mögliche Fehlentwicklungen. Ob das einzelne Kind eine Belastungssituation aktuell aushalten oder auch später ausgleichen kann, oder ob es zu einer Entwicklungsstörung kommt, hängt von vielen Einflüssen ab. Hier wird nur beschrieben, welche psychischen und sozialen Fähigkeiten durch welche Einflüsse möglicherweise gestört werden können.

Die vorrangigen Entwicklungsschritte der ersten Monate sind die Aktivierung des Kommunikationssystems und darauf folgend die Einübung der Kommunikation zwischen Kind und Erwachsenen und der Aufbau des emotionalen Bindungssystems. In diese Systeme eingebettet sind alle Erfahrungen der Bedürftigkeit und Bedürfnisbefriedigung, dem Erleben von Sicherheit, Geborgenheit, körperlichem Wohlbehagen, der allmählichen Unterscheidung zwischen Ich und Nicht-Ich, das Wieder erkennen und die gefühlsmäßige Bindung an wichtige Personen (Aufbau von inneren Bildern der Personen, die bei Abwesenheit reproduziert werden können), die frühen Formen von Vertrauen in sich selbst und andere Menschen und die Zuversicht, dass bei Unlust entstehende Spannung aufgefangen und beendet werden kann.

Es gibt zahlreiche Dinge, die dazu beitragen, dass das Kind und der Erwachsene nicht gut genug zueinander passen und sich nicht auf ein System von Kommunikation und gefühlsmäßiger Bindung einlassen können; dass das Kind anhaltenden und intensiven Gefühlen der Unlust ausgesetzt ist und seine Bemühungen um Kontakt nicht zu vorhersehbar ablaufenden Interaktionen führen.

Auf der Seite des Erwachsenen können die Gründe beispielsweise in psychischer Belastung, sozialen Notlagen, körperlichen Krankheiten oder ökonomischen Schwierigkeiten zu suchen sein, die es erschweren oder unmöglich machen, sich der verlässlichen Versorgung des Kleinkindes zuzuwenden.

Sind die Störungen in dem Zueinanderpassen zwischen Kind und Bezugsperson lang anhaltend und von höherem Schweregrad, ist es dem Kind erschwert, die Fähigkeiten, die es für funktionierende menschliche Beziehungen benötigt zu erlernen. Folge kann sein, dass die emotionale Verständigung des Kindes und später auch des Erwachsenen unsicher bleibt und die Kontaktaufnahme, sowie die Fähigkeit, verlässliche Bindungen aufzubauen, erschwert ist. "Das Kind und der Erwachsene bleibt unsicher, ob er sich und die anderen richtig versteht, ob er auf sich und die anderen vertrauen kann. Die Fremdheit sich selbst gegenüber betrifft auch den eigenen Körper; an die Stelle des sicheren Wohlbefindens in der eigenen Körperlichkeit tritt die hypochondrische Sorge um einen als unvertraut und gefährdet erlebten Körper" (Rudolf, 1996, S. 32). Zur Kategorisierung solcher Störungen lassen sich unterschiedliche Typen ableiten. Hier seien nur zwei kurz beschrieben:

1. Schizoider Störungstypus: Hier steht der Zweifel am eigenen Ich, die Fremdheit des eigenen Körpers und der eigenen Person , die Unsicherheit der Kommunikation und der Bindung im Vordergrund. Folgen davon sind die Vermeidung von Nähe zu anderen Menschen und eine Tendenz, sich durch Selbstliebe zu stabilisieren.

2. Depressiver Störungstypus: Hier ist weniger die Fähigkeit, Beziehungen aufzubauen, gestört, sondern die Zuversicht, dass aufgebaute Beziehungen zuverlässig sind. In einer Phase, in der die Bedürftigkeit des Kleinkindes sehr groß ist, hinterlässt die Erfahrung der Unbeständigkeit oder des Verlustes der wichtigen Bezugspersonen tiefe Gefühle des verzweifelten Verlassenseins. Hauptsächlich bedeutet das, dass das Kind seinen Unlustgefühlen ausgeliefert ist. Es geht also um zwei Mangelerfahrungen: Zum einen um die fehlende Befriedigung von Bedürfnissen und Wünschen und zum anderen um die fehlende Entlastung von unangenehmen Gefühlen.

 

Zweites und drittes Lebensjahr: Aufbau des Autonomiesystems

a) Körperliche Entwicklung

Zu der sich entwickelnden Bewegungs- und Handlungsmotorik, sowie der willentlichen Steuerung des Bewegungssystems kommt nun die Fähigkeit zu laufen, was den Aktions- und Erfahrungsradius enorm erweitert. Die Verbesserung der Motorik und die willentliche Steuerung der Handlungen und Bewegungen ermöglichen dem Kind, seine Welt spielerisch zu erforschen. Die Entwicklung erstreckt sich auch auf die Sprachmotorik. Es entsteht die Sprache der Worte.

b) Psychische Entwicklung

Der wachsenden Kompetenz der Handlungs- und Sprachmotorik, der Fähigkeit etwas zu tun oder es zu lassen, entspricht die zunehmende gesicherte Erfahrung von der eigenen Person, die plant, handelt und darüber spricht. Das Auftauchen des Wortes "Ich" im Sprachschatz des Kindes kennzeichnet diesen Schritt.

Neben der Steuerung der Motorik ist der steuernde Umgang mit der Gefühlswelt eine weitere wichtige reifende Funktion dieses Entwicklungsabschnittes.

Die Differenzierung zwischen der eigenen Person und den anderen Menschen wird vollständig abgeschlossen. Der Ich-Pol des Erlebens und der Gegen-Pol der erfahrenden anderen Menschen steht einander klar abgegrenzt gegenüber. Nach und nach schafft sich das Kind Vorstellungen seiner selbst (Selbstbild) und beginnt auch mit dessen bewusster Bewertung (Selbstwert).

Die Sprache bringt die Welt nun in ein System, in dem eine bestimmte logische und sprachliche Ordnung herrscht. Sie belegt Menschen, Dinge und Vorgänge nun mit Namen und Begriffen.

Zu Beginn bestätigen die Eltern die Entwicklungsschritte des Kindes freudig, bis es zu ersten Interessenunterschieden kommt. "Die Explorationslust des Kindes, sein Bedürfnis an die Dinge heranzugehen (ad-gredi), sie in Besitz zu nehmen, zu erforschen, mit ihnen spielerisch umzugehen, bedeutet aus der Sicht des Erwachsenen nicht selten, dass die Dinge beschädigt und beschmutzt oder für ihn unbrauchbar gemacht werden. Hier setzt mit Macht die "Sozialisation" ein, insofern als sich die Eltern in ihren Erziehungsbemühungen auf das für sie geltende Normensystem berufen" (Rudolf, 1996, S. 35).

Das Kind bildet ein Normen- und Wertesystem, das für ihn handlungsleitend wird. Dieses System beinhaltet verinnerlichte Verhaltensvorschriften mit ihren sozialen Konsequenzen. Neben dieser Struktur, die in der Psychoanalyse auch das Über-Ich genannt wird, entsteht auch eine Struktur des so genannten Ich-Ideals, die die eigenen Wunschvorstellungen und die vermuteten Erwartungen, die andere an einen stellen, verbindet.

c) Soziale Entwicklung

Die neu gewonnene Beweglichkeit des Kindes erlaubt es ihm, sich dem Erwachsenen anzunähern oder sich von ihm abzugrenzen. Es ist ihm möglich, Nähe und Intimität oder auch Distanz zu anderen Personen zu schaffen. Nun ist auch die Neugier auf alles Fremde zunehmend wichtig, gegenüber der früheren Tendenz, bei der vertrauten Person Sicherheit und Geborgenheit zu suchen. Die wichtige reifende Funktion in diesem Entwicklungsabschnitt ist die Autonomie der eigenen Person. Diese kann nur reifen, wenn die Bezugsperson dem Kind ausreichend Sicherheit und Verlässlichkeit der Beziehung bieten konnte. Das Kind kann nun je nach Bedürfnis variieren zwischen dem Wunsch, Neues zu entdecken und dadurch Erregung zu erfahren, oder ob es dem älteren Wunsch nachgibt, Sicherheit im Vertrauten zu suchen. "Nähe und Distanz, Sicherheit und Erregung, liebevolle Annäherung und wütender Angriff, festhalten und loslassen, eigenwillige Selbstbestimmtheit und regressives Schutzsuchen wechseln einander ab und stehen stets nahe beieinander. Das Umgehenlernen mit diesen Polaritäten gehört zu den wichtigen Reifungsschritten dieses Abschnitts" (Rudolf, 1996, S. 35).

Darüber hinaus probt das Kind in spielerischer Identifikation unterschiedliche soziale Rollen und verankert diese in seinem inneren Bild von sich selbst.

d) Mögliche Störungen und ihre Folgen

In diesem Abschnitt der Entwicklung bildet sich der Mensch mit seinen Fähigkeiten zu wollen, zu planen, zu handeln, zu sprechen und zu denken. Er entwickelt sich dahin, von seiner Abhängigkeit in die Selbständigkeit zu gelangen und viele Gefühlserlebnisse und soziale Erfahrungen zu sammeln. "Alle diese Bereiche entfalten sich individuell, wobei insbesondere angeborene Bereitschaften als Material des Ich eine wichtige Rolle spielen. Sie werden geformt durch die jeweiligen Lebensbedingungen, durch die Wertnormen, den Erziehungsstil und den allgemeinen Lebensstil der Familie und der größeren sozialen Gemeinschaft. Der eigene Stil beginnt sich in der Auseinandersetzung mit diesen Vorbildern zu gestalten. Sozioökonomische Bedingungen, Familiengröße, Position in der Geschwisterreihe, die psychische und körperliche Verfassung der Familienangehörigen bilden den begrenzenden Rahmen, zugleich aber auch den Stimulus für eigene Entwicklungsmöglichkeiten" (Rudolf, 1996, S. 36).

Es gibt drei Gruppen von krankmachenden Einflüssen in dieser Entwicklungsphase:

  1. Der Schritt in die Autonomie und das interessierte Zugehen auf die Welt wird durch eine familiäre Atmosphäre der Ängstlichkeit verhindert. Die Erwachsenen wollen das Kind vor der gefährlichen Welt draußen schützen. Sicher ist die Welt der Familie drinnen. Durch solch ein Verhalten bleibt die Autonomie des Kindes und später des Erwachsenen eingeschränkt und unsicher und eine ängstliche Grundhaltung mit Selbstwertzweifeln und besonderer Beachtung der nahen Bezugsperson kann daraus resultieren. Diese Ängstlichkeit kann aber auch von dem Kind ausgehen, wenn es spürt, dass Spannungen den Familienverband aufzulösen drohen. Das hindert das Kind daran, sich der Außenwelt zuzuwenden. Es klammert sich an seine Eltern.
  2. Noch schwerwiegendere Folgen hat es, wenn die Erwachsenen dem Kind gegenüber zwiespältige oder ablehnende Einstellungen entgegenbringen und sie alles was mit seinem Erkundungsdrang und seiner Funktionslust zu tun hat, nicht beachten, ablehnen oder moralisch verurteilen. Im Extremfall werden alle Unternehmungen des Kindes durch Strafe oder körperliche Gewalt unterbunden. Durch solch ein Verhalten fühlt sich das Kind in seiner Person entwertet. Nach außen hin wird das Kind angepasst, doch innen lebt die aggressive Dynamik vorwiegend in Form von Selbsthass, Selbstablehnung und Selbstverachtung weiter. Ist der Druck auf das Selbst des Kindes mehr durch enge Moral und zwanghafte Regeln bestimmt, beeinträchtigt eine solche Haltung meist viele Entwicklungslinien dieses Abschnittes. Beispielsweise muss in einer zwanghaft-ordentlichen Familie alles Laute, Chaotische, Aggressive und Gefühlsstarke unterbunden werden. Das Kind hat nicht die Möglichkeit, sich an seiner Umwelt auszuprobieren, um seinen eigenen Stil zu finden. Die verinnerlichten zwanghaften Verhaltensregeln leiten sein Denken und Verhalten.
  3. In dieser Entwicklungsphase ist es auch schwierig für das Kind, wenn es keinen festen Rahmen findet. Im einfacheren Fall entwickelt sich das Kind zu einem Familientyrann, der es gewohnt ist, dass niemand sich seinem Willen entgegenstellt. Beim Eintritt in die Schule und in jede Form sozialen Lebens drohen ihm dann große Anpassungsschwierigkeiten. "...es handelt sich dabei im Wesentlichen um einen Mangel an sozialer Verbindlichkeit und sozialer Verbundenheit, aus dem heraus der einzelne seine Interessen so gut verfolgt, wie er eben kann, weil keine Gewähr besteht, dass andere sein Interessen mit berücksichtigen" (Rudolf, 1996, S. 37).
 

Drittes bis sechstes Lebensjahr: Aufbau der psychosexuellen und sozialen Identität

a) Körperliche Entwicklung

In dieser Entwicklungsphase gibt es keine grundsätzlich neuen körperlichen Entwicklungen. Körperliche Größe, Kraft und Geschicklichkeit entwickeln sich kontinuierlich weiter. Die Körpermotorik kann kontrolliert werden, und das Kind ist schließlich imstande, seinen Bewegungsdrang für bestimmte Zeit zu bremsen, was eine notwendige Voraussetzung für den Schulbesuch ist.

b) Psychische Entwicklung

Das Kind hat nun gelernt, seine Person, die bestimmte Absichten hat, von außen zu betrachten und hat daraus ein Bewusstsein der eigenen Person erworben. Dieses Bewusstsein ist Teil der immer differenzierteren Erfahrung und gedanklichen Auseinandersetzung mit der Welt. Es kommt in Berührung mit den großen Themen Liebe, Sexualität, Geburt und Tod. Das Kind erfährt die Bedeutung von Zeit, und so erfährt es Grenzen und spürt die Begrenztheit. Das Thema der Begrenzung erstreckt sich auch auf die Geschlechtlichkeit. Jeder ist nur einem Geschlecht zugehörig und muss auf interessante Eigenschaften des Gegengeschlechts verzichten. Die sexuelle Identität wird nun als eindeutig erlebt, sowie die Zugehörigkeit zu der eigenen Generation. Diese Vorgänge lassen sich alle unter den Begriff der Realitätsprüfung fassen. Für das Kind gelten nun auch die Prinzipien der Logik, nach denen Erwachsene ihre Welt strukturieren.

Der spielerische Umgang mit dem Leben weicht immer mehr dem "Ernst des Lebens". Zwangsläufig wird es auch mit Gefühlen des Einsamseins und der Angst vor dem was kommen mag, konfrontiert.

c) Soziale Entwicklung

Das Kind markiert für sich einen festen Punkt in seinem sozialen System. Von diesem Punkt aus definiert das Kind seine Beziehungen zu anderen. Das Kind wird sich mindestens zum Teil seiner Stellung im sozialen System der Familie bewusst, und in der Generationenfolge erfährt es eine bestimmte Rollenzuschreibung, die auch mit bestimmten Pflichten verbunden ist. Unbewusste Phantasien der Erwachsenen, unerledigte Konflikte mit den eigenen Eltern oder Geschwistern, die auf das eigene Kind übertragen werden, spielen dabei oft eine große Rolle.

Durch Identifizierung mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil wird gelernt, wie man als Mädchen/ Frau oder als Junge/ Mann sein, erleben und sich verhalten kann, was insbesondere für das Lernen des Umgangs mit dem gegengeschlechtlichen Elternteil gilt.

"Zweifellos liefern die unbewussten Erinnerungsspuren dieser frühen Identifizierungen und Bindungen das Grundgerüst aller späteren Beziehungen, sie bedeuten in jedem Fall eine Einübung in menschliche Bindungen, die von Leidenschaft und Begehren getragen sind" (Rudolf, 1996, S. 40).

Die Beziehung des Kindes zu seinen Eltern hat erotische Anklänge, doch wurden die Bedeutung für die normale Entwicklung des Kindes von der früheren Psychoanalyse überschätzt. In einer Eltern-Kind-Beziehung, in der eine spürbare Sexualisierung vorliegt, ist dies meist bereits Ausdruck einer neurotisch gestörten Konstellation.

d) Mögliche Störungen und die Folgen

In dieser Phase der kindlichen Entwicklung formt sich die geschlechtliche und soziale Identität. Diese Identität entwickelt sich im Kontext des Beziehungsgeflechts der Familie, wodurch vielfältige Störungen einzelner wichtiger Personen und die Beziehungen untereinander die Entwicklung der Identität des Kindes behindern können.

Es geht immer darum, dass das Kind in seiner eindeutigen geschlechtlichen Identifizierung und der gleichzeitigen Bindung an seine Eltern beeinträchtigt ist. Das passiert dann, wenn dem Kind von einem Elternteil kein Interesse oder verdeckte oder offene Ablehnung entgegengebracht wird. Es kann aber auch sein, dass dem Kind eine herausragend wichtige Beziehung angeboten wird.

Es ist problematisch, wenn die elterlichen Beziehungsangebote die Forderung miteinschließen, dass das Kind so zu sein hat, wie sie es gerne hätten. Ihre Aufforderung, dass Kind solle eine andere Rolle spielen, als die von seinem biologischen Geschlecht vorgegebene, kann nicht nur als Belastung und als Druck von dem Kind empfunden werden, sondern auch als ein verführerisches Angebot, in eine andere Rolle zu schlüpfen (z. B. das Kind fühlt sich aufgewertet, da es in die Rolle des Partnerersatzes schlüpft). Das Kind genießt das erworbene Ansehen, weiß aber eigentlich, dass diese Rolle falsch ist. Hinter dem Stolz steht die Scham, eine falsche Rolle zu spielen und spielen zu müssen, da man mit seiner wahren Persönlichkeit nicht gemocht wird.

Wichtige Folgeerscheinungen für die Persönlichkeit kann also die Tendenz zur Selbstaufwertung (narzisstischer Anspruch) und zur Rivalität sein, einhergehend mit Selbstzweifeln und tiefen Zweifeln an der eigenen Liebenswertheit. Darüber hinaus besteht Verwirrung über die Beschaffenheit der wirklichen Persönlichkeit und der eigenen Gefühle.

Außerdem erschwert die dauernde Bindung an ein Elternteil (wobei das andere abgewertet wird) später den harmonischen Umgang mit beiden Geschlechtern und einer erotischen Beziehung zu einem potentiellen Partner.

Unter der Voraussetzung, dass das Kind eine Rolle zu spielen hat, eine unsichere Geschlechtsidentität hat und eine anhaltende Beziehung zu einem idealisierten oder enttäuschendem Elternteil, werden sich später als Erwachsener wahrscheinlich auch Einschränkungen der sexuellen Erlebnisfähigkeit einstellen.

 

Literaturempfehlungen


 

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Zu den Literaturtipps

 
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Dipl.-Psych. Volker Drewes
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