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Pla­nen und Han­deln in Ent­schei­dungs­si­tua­ti­o­nen

Ent­schei­dungs­fin­dung - Ler­nen an Erfolg und Miss­er­folg

 

Planen und Handeln

 
 

Beruf­li­che Ent­schei­dungs- und Pla­nungs­pro­zesse oder Ler­nan­for­de­run­gen wäh­rend der Lehre, einer Aus­bil­dung oder im Stu­dium, brin­gen für viele Men­schen regel­mä­ßig große Pro­bleme und Schwie­rig­kei­ten mit sich. Die Folge sind nicht sel­ten Fehl­ent­schei­dun­gen, aber auch Arbeits­s­tö­run­gen bis hin zur Arbeits­ver­mei­dung oder -ver­wei­ge­rung. Sol­che Situa­ti­o­nen kön­nen rela­tiv über­schau­bar und ein­fach struk­tu­riert bis hin zu unüber­sicht­lich und sehr kom­plex sein (z.B. das Ler­nen für eine ein­zelne Prü­fung oder die Ent­schei­dung für ein neues Stu­dium oder einen neuen Beruf). Alle diese Situa­ti­o­nen haben gemein­sam, daß sie mit Ent­schei­dun­gen, Pla­nun­gen und Hand­lun­gen bzw. Stra­te­gien ver­bun­den sind, die vom Ein­zel­nen, einer Gruppe oder einem Team getrof­fen wer­den müs­sen

Immer wie­der kommt es dabei z.B. in betrieb­li­chen Ent­schei­dungs­pro­zes­sen zu mensch­li­chem Ver­sa­gen, auch wenn Exper­ten am Werk sind, die glau­ben die Situa­tion im Griff und alle not­wen­di­gen Infor­ma­ti­o­nen zur Ver­fü­gung zu haben (Bei­spiel: AKW-Unfall in Tscher­no­byll). Der Grund für die­ses Ver­sa­gen beruht häu­fig auf der Fehl­ein­schät­zung der Situa­tion. Wie kommt es zu sol­chen Fehl­ein­schät­zun­gen, und kön­nen wir für unse­ren Berufs- und Ler­nall­tag aus den Erkennt­nis­sen der psy­cho­lo­gi­schen For­schung zu die­sen The­men nütz­li­che Erkennt­nisse zie­hen?

Es gibt viele kom­plexe Situa­ti­o­nen, in denen es wich­tig ist, die Wech­sel­wir­kun­gen der ver­schie­de­nen Teil­sys­teme eines Sys­tems (d.h. z.B. einer Orga­ni­sa­tion, eines Betrie­bes, aber auch einer all­täg­li­chen Lern­si­tua­tion zu Hause) zu berück­sich­ti­gen. Ein wich­ti­ger Fak­tor, der zu Fehl­ent­schei­dun­gen führt, ist, dass nicht beach­tet wurde, dass die Teil­sys­teme inter­a­gie­ren.

Wel­che Anfor­de­run­gen stel­len kom­pli­zierte Situa­ti­o­nen an das Urteils­ver­mö­gen und an das Pla­nungs- und Ent­schei­dungs­ver­mö­gen von Per­so­nen? Wie sol­len wir pla­nen und Han­deln? Zunächst sollte man sich klar­ma­chen, was die Merk­male kom­ple­xer Hand­lungs­si­tua­ti­o­nen sind, denn um zu ver­nünf­ti­gen Ent­schei­dun­gen in sol­chen Situa­ti­o­nen zu kom­men, muss man diese Merk­male ken­nen und bei sei­nen Ent­schei­dun­gen beach­ten.

Wie sollte man sich im Hin­blick auf sol­che Situa­ti­o­nen ver­hal­ten und wel­che Mög­lich­kei­ten zum Fehl­ver­hal­ten erge­ben sich aus der spe­zi­fi­schen Form unter­schied­li­cher Anfor­de­run­gen?

Die Welt ist ein Sys­tem von inter­a­gie­ren­den Teil­sys­te­men. Poli­ti­sche Umstände und Ent­wick­lun­gen auch in den ent­fern­tes­ten Regi­o­nen der Erde kön­nen mit­tel­bar oder unmit­tel­bar auch uns betref­fen. Hier geht es um die Anfor­de­run­gen des Den­kens in kom­ple­xen Hand­lungs­si­tua­ti­o­nen und um die Feh­ler, zu denen man neigt, wenn nicht nur die Pro­bleme hier und jetzt, son­dern auch Fern- und Neben­wir­kun­gen mit­be­dacht wer­den müs­sen. "Im Hin­blick auf die viel­fäl­ti­gen Pro­bleme unse­rer Welt wird oft­mals ein «Neues Den­ken » gefor­dert. Fre­de­ric Ves­ter (1984) for­dert ein «ver­netz­tes Den­ken», wel­ches die viel­fäl­ti­gen Inter­ak­ti­o­nen der Teil­sys­teme unse­rer Welt in Rech­nung stellt" (Dör­ner, 1992, S. 21).

 

Methode der Unter­su­chung

Um das Den­ken in kom­ple­xen Ent­schei­dungs­si­tua­ti­o­nen zu unter­su­chen, ver­legte Dörner die Rea­lität auf den Com­pu­ter, wo er die Möglich­keit hatte, kom­pli­zierte Rea­litäten zu simu­lie­ren. "Dies bie­tet für die Psy­cho­lo­gie die Möglich­keit, Pro­zesse expe­ri­men­tell zu stu­die­ren, die bis­her nur in Ein­zelfällen beob­acht­bar waren. Mit Hilfe com­pu­ter­si­mu­lier­ter Sze­na­rios kann man das Ver­hal­ten von Ver­suchs­per­so­nen, die sich in einer kom­pli­zier­ten poli­ti­schen Situa­tion befin­den, genau beob­ach­ten und pro­to­kol­lie­ren" (Dörner, 1992, S. 19).

Solch ein Com­pu­ters­ze­na­rio hat natürlich immer Spiel­cha­rak­ter, doch es ist möglich, anhand von com­pu­ter­si­mu­lier­ten Rea­litäten, die Hin­tergründe von Pla­nungs-, Ent­schei­dungs- und Urteil­s­pro­zes­sen, die vor­her der direk­ten Beob­ach­tung ent­zo­gen waren, zu erhel­len, bes­ser als anhand von nachträgli­cher Erfor­schung sol­cher Pro­zesse in der "rich­ti­gen" Rea­lität.


Tana­l­and - Eine Com­pu­ter­si­mu­lierte kom­plexe Hand­lungs­si­tua­tion

Tana­l­and ist ein Gebiet irgendwo in Ost­afrika, durch das der Owanga-Fluß mündet, der sich zum Mukwa-See ver­brei­tert. An die­sem See liegt Lamu, das von Obst­plan­ta­gen und Gärten umge­ben ist und von einer Wald­re­gion. Die Tupi woh­nen in und um Lamu und sind ein Stamm, der von Acke­r­bau und Gar­ten­wirt­schaft lebt. Im Nor­den und Süden gibt es Step­pen­ge­biete und im Nor­den, in der Gegend eines klei­nen Ortes namens Kiwa, leben die Moros, die Hir­ten­no­ma­den sind und von Rin­der- und Schaf­zucht und von der Jagd leben.

Tana­l­and exis­tiert nicht wirk­lich, son­dern ist com­pu­ter­si­mu­liert. Dörner gab in sei­ner Unter­su­chung 12 Ver­suchs­per­so­nen die Auf­gabe, für das Wohl­er­ge­hen des Lan­des und sei­ner Bewoh­ner zu sor­gen. Dabei hat­ten sie sozu­sa­gen dik­ta­to­ri­sche Voll­macht, da alle ihre Ein­griffe durch­geführt wur­den. Sie konn­ten z.B. Staudämme bauen, Düngung der Fel­der ver­bes­sern, die gesamte Region elek­tri­fi­zie­ren, Maßnah­men zur Gebur­ten­kon­trolle durchführen, die medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung ver­bes­sern und vie­les mehr.

Die Ver­suchs­per­so­nen hat­ten zu ins­ge­samt sechs frei gewählten Zeit­punk­ten die Gele­gen­heit, Infor­ma­ti­o­nen zu sam­meln, Maßnah­men zu pla­nen und Ent­schei­dun­gen zu tref­fen. Zu jedem der sechs Ein­griffs­zeit­punkte waren so viele Maßnah­men möglich wie sie woll­ten. In jeder neuen Ein­griffs­phase konn­ten auch die Ergeb­nisse, die Erfolge und Mißerfolge der vor­her­ge­hen­den Pha­sen berücksich­tigt, Ent­schei­dun­gen rückgängig gemacht oder modi­fi­ziert wer­den. Sie soll­ten das Schick­sal von Tana­l­and für eine Dauer von zehn Jah­ren bestim­men.

Die Ergeb­nisse bei der durch­schnitt­li­chen Ver­suchs­per­son waren meist eine kurz­fris­tige Bes­se­rung (z.B. anstei­gende Bevölke­rungs­zahl, Erhöhung der Lebens­er­war­tung), doch die lang­fris­ti­gen Fol­gen wur­den nicht bedacht, waren aber kata­s­tro­phal (z.B. aus­bre­chende Hun­gersnöte: bei Dörners durch­schnitt­li­cher Ver­suchs­per­son kam es etwa im 88. Monat zu einer nicht mehr auf­fang­ba­ren Hun­ger­ka­ta­s­tro­phe) und kamen für die Ver­suchs­per­so­nen meist völlig über­ra­schend (genaue Ergeb­nisse IN: Dörner, Diet­rich: Die Logik des Mißlin­gens, S. S.22-32).

Es gab aber durch­aus posi­tive Ergeb­nisse bei Ver­suchs­per­so­nen (man­che erreich­ten eine Sta­bi­li­sie­rung der Bevölke­rungs­zah­len und ins­ge­samt eine Anhe­bung des Gesamt­ni­veaus des Lebens­stan­dards, ohne die nega­tive Dyna­mik der Ent­wick­lung), was zeigt, daß eine Sta­bi­li­sie­rung der Verhältnisse in Tana­l­and durch­aus möglich war


Gründe für Erfolg und Mißerfolg.

Die Gründe waren kei­nes­wegs, daß die "gute" Ver­suchs­per­son über spe­zi­el­les Fach­wis­sen verfügte, was die ande­ren nicht hat­ten. Die Gründe sind nach Dörner eher in bestimm­ten Denk­fi­gu­ren zu suchen. In solch einem kom­ple­xen Sys­tem, wie Tana­l­and es ist, kann man nicht nur eine Sache tun, denn die eine Maßnahme hat immer noch andere Aus­wir­kun­gen, egal ob man will oder nicht.

Die Unter­su­chung wurde nur mit 12 Per­so­nen durch­geführt. Daher können keine gene­ra­li­sier­ba­ren Aus­sa­gen gemacht wer­den, doch die Ergeb­nisse machen eine Ten­denz klar, wie Den­ken, Wer­te­sys­teme, Emo­ti­o­nen und Stim­mun­gen bei der Hand­lungs­or­ga­ni­sa­tion inter­a­gie­ren.

 

Merk­male kom­ple­xer Hand­lungs­si­tua­ti­o­nen

Kom­plexe Hand­lungs­si­tua­ti­o­nen sind kom­plexe, ver­netzte, intrans­pa­rente und dyna­mi­sche Situa­ti­o­nen.

  1. Ver­netzt­heit/ Kom­ple­xität: Diese Situa­ti­o­nen sind gekenn­zeich­net von vie­len Vari­a­blen, die mit­ein­an­der ver­netzt sind, d.h. sie beein­flus­sen sich unter­ein­an­der mehr oder min­der stark. Das macht die Kom­ple­xität aus.
  2. Eigen­dy­na­mik: Ein wei­te­rer Punkt ist, daß sol­che Situa­ti­o­nen die Eigen­schaft haben, sich selbst wei­ter­zu­ent­wi­ckeln, d.h. sie haben eine Eigen­dy­na­mik.
  3. Intrans­pa­renz: Darüber hin­aus zeich­net diese Situa­ti­o­nen aus, daß man meis­tens nicht alles sehen kann, was man sehen will, d.h. sie sind intrans­pa­rent.
  4. Unkennt­nis und falsche Hypo­the­sen: Häufig hat nie­mand der Betei­lig­ten eine vollständige Kennt­nis aller Eigen­schaf­ten der Situa­tion, teil­weise exis­tie­ren sogar falsche Annah­men über die Situa­tion.

"Kom­ple­xität, Intrans­pa­renz, Dyna­mik, Ver­netzt­heit und Unvollständig­keit oder Falsch­heit der Kennt­nisse über das jewei­lige Sys­tem: dies sind die all­ge­mei­nen Merk­male der Hand­lungs­si­tua­ti­o­nen beim Umgang mit sol­chen Sys­te­men" (Dörner, 1993, S. 59). Mit die­sen Merk­ma­len muß man umge­hen, und aus ihnen erge­ben sich viele spe­zi­fi­sche Anfor­de­run­gen an den Han­deln­den.

zu a. Kom­ple­xi­tät
Kom­plexe Ent­schei­dungs­si­tua­ti­o­nen kenn­zeich­nen eine große Anzahl von Merk­ma­len. Man muß viele Merk­male auf ein­mal beach­ten, um der Situa­tion gerecht zu wer­den, und man muß zusätzlich berücksich­ti­gen, daß die ver­schie­de­nen Vari­a­blen des Sys­tems nicht unabhängig von­ein­an­der sind, son­dern sich wech­sel­sei­tig beein­flus­sen. "Die Exis­tenz von vie­len, von­ein­an­der abhängi­gen Merk­ma­len in einem Aus­schnitt der Rea­lität wol­len wir als >Kom­ple­xität< bezeich­nen. Die Kom­ple­xität eines Rea­litätsaus­schnitts ist also um so höher, je mehr Merk­male vor­han­den sind und je mehr diese von­ein­an­der abhängig sind. Der Grad an Kom­ple­xität ergibt sich also aus dem Ausmaß, in dem ver­schie­dene Aspekte eines Rea­litätsauschnit­tes und ihre Ver­bin­dun­gen beach­tet wer­den müssen, um eine Situa­tion in dem jewei­li­gen Rea­litätsaus­schnitt zu erfas­sen und Hand­lun­gen zu pla­nen" (Dörner, 1992, S. 60). Viele Merk­male allein machen nicht die Kom­ple­xität aus. Kom­plex ist ein Sys­tem erst dann, wenn die ver­schie­de­nen Merk­male verknüpft sind, d.h. sich unter­ein­an­der beein­flus­sen. Das macht die gleich­zei­tige Beach­tung vie­ler Merk­male not­wen­dig.

zu b. Dyna­mik
In dyna­mi­schen Sys­te­men folgt nicht eine Hand­lung auf die andere, son­dern die Aus­wir­kun­gen einer Hand­lung ent­wi­ckeln sich wei­ter. Die Rea­litätsauschnitte sind nicht pas­siv, son­dern in gewis­sem Maß aktiv. Dies erzeugt unter ande­rem Zeit­druck. So muß man sich wegen des Zeit­drucks auch manch­mal beim Pla­nen mit Ungefährlösun­gen zufrie­den geben. Manch­mal muß man dar­auf ver­zich­ten, alle Infor­ma­ti­o­nen zu sam­meln, die einem zur Lösung zur Verfügung ste­hen könnten, da es der Zeit­druck nicht erlaubt. Die Eigen­dy­na­mik die­ser Sys­teme macht es not­wen­dig, ihre Ent­wick­lungs­ten­den­zen zu erfas­sen. Bei einem dyna­mi­schen Sys­tem reicht es nicht aus, bloße offen lie­gende Tat­sa­chen zu erfas­sen, son­dern man muß zusätzlich ver­su­chen her­aus­zu­fin­den, wohin das Sys­tem will. Die Ana­lyse der augen­blick­li­chen Gege­ben­hei­ten reicht nicht aus.

zu c. Intrans­pa­renz
Die Intrans­pa­renz einer Situa­tion ist eine wei­tere Quelle von Unsi­cher­hei­ten in Pla­nungs- und Ent­schei­dungs­si­tua­ti­o­nen.

Die Intrans­pa­renz einer Situa­tion bedeu­tet, daß nicht alles sicht­bar ist, was man sehen will. "Viele Merk­male der Situa­tion sind demje­ni­gen, der zu pla­nen hat, der Ent­schei­dun­gen zu tref­fen hat, gar nicht oder nicht unmit­tel­bar zugänglich. Er steht also - bild­lich gespro­chen - vor einer Milchglas­scheibe. Er hat Ent­schei­dun­gen hin­sicht­lich eines Sys­tems zu fällen, des­sen augen­blick­li­che Merk­male er nur zum Teil, nur unklar, sche­men­haft, ver­wa­schen sehen kann - oder aber auch gar nicht" (Dörner, 1992, S. 63-64).

Selbst wenn man genaue Kennt­nis über die Sys­tem­struk­tur hat, ist meis­tens in kom­ple­xen Hand­lungs­si­tua­ti­o­nen nicht genau klar, wel­che Situa­tion im Moment vor­han­den ist.

zu d. Unkennt­nis und falsche Hypo­the­sen
"Wenn man in einer kom­ple­xen und dyna­mi­schen Situa­tion ope­rie­ren möchte, muß man nicht nur wis­sen, was der Fall ist. Man muß nicht nur die Merk­male der augen­blick­lich gege­be­nen Situa­tion ken­nen, son­dern man muß auch etwas wis­sen über die Struk­tur des Sys­tems. Die augen­blick­li­che Situa­tion mit ihren Merk­ma­len ist ja nur der jet­zige Zustand des Sys­tems und sei­ner Vari­a­blen. Man muß nicht nur wis­sen, was der Fall ist, son­dern auch, was in Zukunft der Fall sein wird oder sein könnte, und man muß wis­sen, wie sich die Situa­tion in Abhängig­keit von bestimm­ten Ein­grif­fen vor­aus­sicht­lich verändern wird" (Dörner, 1992, S. 64). Zu die­sem Zweck braucht man soge­nann­tes Struk­tur­wis­sen. Struk­tur­wis­sen ist Wis­sen über die Art und Weise, wie die Vari­a­blen eines Sys­tems zusam­menhängen, und wie sie sich gegen­sei­tig beein­flus­sen (Im Ide­a­l­fall hat man den gegen­sei­ti­gen Ein­fluß in Form einer mathe­ma­ti­schen For­mel).

Die Gesamt­heit der ein­sei­ti­gen, wech­sel­sei­ti­gen, ein­fa­chen oder kom­pli­zier­ten Zusam­menhänge, die die Betei­lig­ten im Kopf haben, nennt man Rea­litätsmo­dell. "Ein Rea­litätsmo­dell kann expli­zit, in bewußter, jeder­zeit abfrag­ba­rer Weise vor­han­den sein oder auch impli­zit, also so, daß der Akteur selbst nicht weiß, daß er eine Annahme über einen bestimm­ten Zusam­men­hang im Kopf hat und schon gar nicht, wie diese Annahme aus­sieht. Solch impli­zi­tes Wis­sen kommt häufig vor; man nennt es gewöhnlich “Intu­i­tion” oder sagt: “Für sol­che Dinge habe ich ein Gefühl.”" (a.a.O., S. 65).

Expli­zi­tes und ver­ba­li­sier­tes Wis­sen muß auch nicht zwangsläufig Hand­lungs­wis­sen sein. Es kann als the­o­re­ti­sches Wis­sen vor­han­den sein, ohne daß die Per­son fähig ist, die­ses Wis­sen prak­tisch anzu­wen­den.

Das Rea­litätsmo­dell eines Han­deln­den kann nun rich­tig oder falsch, vollständig oder nicht sein. Anzu­neh­men ist, daß es gewöhnlich unvollständig wie auch falsch ist und es ist wich­tig, sich auf die­sen Fall ein­zu­stel­len. Der Umgang mit unvollständi­gen und falschen Infor­ma­ti­o­nen und Hypo­the­sen ist eine wich­tige Anfor­de­rung an die Han­deln­den in kom­ple­xen Pro­blem­si­tua­ti­o­nen.

"Wenn wir die­ses Kapi­tel anschau­lich zusam­men­fas­sen wol­len, so können wir sagen, daß ein Akteur in einer kom­ple­xen Hand­lungs­si­tua­tion einem Schach­spie­ler gleicht, der mit einem Schach­spiel spie­len muß, wel­ches sehr viele (etwa: einige Dut­zend) Figu­ren auf­weist, die mit Gum­mifäden anein­an­derhängen, so daß es ihm unmöglich ist, nur eine Figur zu bewe­gen. Außerdem bewe­gen sich seine und des Geg­ners Figu­ren auch von allein, nach Regeln, die er nicht genau kennt oder über die er falsche Annah­men hat. Und oben­drein befin­det sich ein Teil der eige­nen und der frem­den Figu­ren im Nebel und ist nicht oder nur unge­nau zu erken­nen" (a.a.O., S. 66).

 

Sta­ti­o­nen des Pla­nens und Han­delns

Wie bewerk­stel­ligt man nun die Auf­gabe, in einer kom­ple­xen, teil­weise unbe­kann­ten, teil­weise intrans­pa­ren­ten und dyna­mi­schen Situa­tion zu han­deln? Zunächst über­legt man sich, was man tun könnte, was die Fol­gen die­ses Tuns sein könnten und wor­auf man eigent­lich hin­aus will. Berücksich­tigt man dabei die fol­gen­den Schritte, so ver­bes­sert man seine Chan­cen, die Auf­gabe zu bewälti­gen, Fehl­ent­schei­dun­gen zu ver­mei­den oder in einer Arbeitsstörung ste­cken zu blei­ben (oder gar die Auf­gabe gänzlich zu ver­wei­gern).

Ein­zelne Schritte, um zu einem Urteil über ein kom­pli­zier­tes Pro­blem (Auf­gabe) zu kom­men:

  1. Zie­laus­a­r­bei­tung:
    In einer kom­ple­xen Hand­lungs­si­tua­tion ist es zunächst günstig, sich Kla­r­heit über das anzu­stre­bende Ziel zu ver­schaf­fen. Nicht in jeder Situa­tion ist von Anfang an klar, was man eigent­lich kon­kret will. Für das Urtei­len und den Ent­schei­dungs­prozeß ist es wich­tig, klar umris­sene Ziele zu haben (z.B.: bei dem Ziel, eine Tra­ban­ten­stadt wohn­li­cher zu gestal­ten, muß genau defi­niert wer­den, was man kon­kret unter "wohn­li­cher" ver­steht und wel­che kon­kre­ten Maßnah­men sich daran knüpfen). So hat man klare Richt­li­nien in der Hand, die einem hel­fen, Maßnah­men danach zu beur­tei­len, ob sie geeig­net oder unge­eig­net sind, um das ange­strebte Ziel zu errei­chen.

  2. Modell­bil­dung und Infor­ma­ti­ons­samm­lung:
    Nach der Aus­a­r­bei­tung der Ziel­vor­stel­lun­gen kommt es nun zu der Infor­ma­ti­ons­be­schaf­fung. Man muß ver­su­chen, mehr Kla­r­heit über die Situa­tion sel­ber zu erhal­ten. Daran hin­dert einen häufig die nur begrenzt zur Verfügung ste­hende Zeit, die oft nicht aus­reicht, um alle not­wen­di­gen Infor­ma­ti­o­nen zu sam­meln. Darüber hin­aus ist es mit der rei­nen Samm­lung von Infor­ma­ti­o­nen nicht getan, denn die Infor­ma­ti­o­nen müssen möglichst so inte­griert wer­den, daß sich etwas wie ein Gesamt­bild, ein Rea­litätsmo­dell, mit dem man umge­hen kann, ergibt. Eine Anhäufung von nicht geglie­der­ten Infor­ma­ti­o­nen ver­mehrt eher die Unüber­sicht­lich­keit, als daß sie eine Ent­schei­dungs­hilfe wäre. "Es muss alles irgend­wie zusam­men­pas­sen; man braucht kei­nen Infor­ma­ti­ons­hau­fen, son­dern ein “Bild” der Sache, damit man Wich­ti­ges von Unwich­ti­gem tren­nen kann und weiß, was zusam­men­gehört und was nicht" (Dörner, 1992, S. 70). Hierzu benötigt man das bereits erwähnte Struk­tur­wis­sen, d.h. Ideen darüber, wie Dinge zusam­men­gehören.

  3. Pro­gnose:
    Hat man alle not­wen­di­gen Infor­ma­ti­o­nen gesam­melt, sollte man in der Lage sein, über die gegenwärtige Lage hin­aus, auch die Ent­wick­lungs­ten­den­zen des Sys­tems, die sich aus der gegenwärti­gen Lage erge­ben, abzuschätzen. Die Frage, wie sich das Sys­tem ent­wi­ckeln wird, ist für die Pla­nung und Beur­tei­lung oft wich­ti­ger, als die gegenwärtige Situa­tion (z.B. ob die wirt­schaft­li­che Situa­tion in einem Land sich in einem Aufwärts- oder Abwärtstrend befin­det ist häufig wich­ti­ger, als die momen­tane wirt­schaft­li­che Situa­tion).

  4. Pla­nung von Akti­o­nen; Ent­schei­dung und Durchführung der Akti­o­nen:
    Nun ist es not­wen­dig, sich ein Bild über die mögli­chen Maßnah­men zu machen. Es stellt sich die Frage, was man tun soll, oder ob man über­haupt Maßnah­men ergrei­fen soll. Häufig wird aus ver­schie­de­nen Gründen (z.B. zeit­spa­ren­der) so gehan­delt, wie man es gewohnt ist und es schon immer gemacht hat, d.h. in einer gewohn­ten, ritu­a­li­sier­ten Form. Obwohl es bestimmt einige Vor­teile hat, behin­dert es Men­schen auch in ihrem Hand­lungs­spiel­raum und steht häufig einer effek­ti­ven Pro­blemlösung im Wege.

    Nach der Pla­nung folgt die prak­ti­sche Umset­zung, d.h. die Ent­schei­dung für einen bestimm­ten Plan, da es häufig ver­schie­dene Hand­lungs­al­ter­na­ti­ven gibt, die auf den ers­ten Blick als gut erschei­nen.

  5. Effekt­kon­trolle und Revi­sion der Hand­lungs­stra­te­gien:
    Die Umset­zung des Plans in die Pra­xis muß von einer ständi­gen Selbst­kon­trolle beglei­tet sein. Es muß überprüft wer­den, ob tatsächlich das ein­tritt, was man erwar­tet hat. Wenn nicht, muß man even­tu­ell auf eine frühere Phase der Hand­lungs­or­ga­ni­sa­tion zurückge­hen. Even­tu­ell muß man neue Infor­ma­ti­o­nen sam­meln, da die dem Plan zugrunde lie­gen­den Infor­ma­ti­o­nen falsch oder unvollständig waren. Even­tu­ell müssen neue Hand­lungs­wege aus­ge­ar­bei­tet wer­den, da die gewählten nicht den gewünsch­ten oder gar kei­nen Effekt erzie­len. Manch­mal muß man sogar sein gesam­tes Modell der Situa­tion ändern.

    Auf der ande­ren Seite ist es häufig sinn­voll, einen bestimm­ten Hand­lungs­weg nicht zu früh auf­zu­ge­ben. Nach­hal­tig­keit und Beharr­lich­keit können in eini­gen Fällen auch zum Ziel führen. Es gilt einen Mit­tel­weg zu wählen, zwi­schen stu­rem Fest­hal­ten an einem ein­mal ein­ge­schla­ge­nen Weg und dem zu schnel­len Auf­ge­ben bei den ers­ten Schwie­rig­kei­ten, die auf­tre­ten.

So kann man sich ungefähr die unter­schied­li­chen Sta­ti­o­nen vor­stel­len, die man bei der Orga­ni­sa­tion kom­ple­xen Han­delns durchläuft. Natürlich ist es nicht als ein ein­fa­ches Fort­s­chrei­ten von Sta­tion zu Sta­tion zu ver­ste­hen. "Nor­ma­les Han­deln fin­det nicht statt, indem man sich zunächst die Ziele klar­macht, dann Infor­ma­ti­o­nen sam­melt, dann die Zukunft anti­zi­piert, dann Maßnah­men plant, um schließlich zu einer Ent­schei­dung zu kom­men und nach­her die Ange­mes­sen­heit des eige­nen Han­delns zu überprüfen. Viel­mehr wird es oft so sein, daß man erst in der Phase der Infor­ma­ti­ons­samm­lung merkt, daß die Ziele nicht hin­rei­chend klar sind, um tatsächlich gute Kri­te­rien für die Infor­ma­ti­ons­samm­lung zu lie­fern. Oft wird man erst bei der Aus­a­r­bei­tung eines Hand­lungs­we­ges mer­ken, daß die Infor­ma­ti­o­nen, die man für genügend hielt, kei­nes­wegs hin­rei­chend sind. Im Tun stellt sich eine gut geplante Maßnahme oft als falsch her­aus" (a.a.O., S. 72). Von jeder Sta­tion des Hand­lungs­we­ges zu der ande­ren gibt es Rücksprünge. Die tatsächli­che Pla­nung einer Anzahl kom­pli­zier­ter Maßnah­men kann so aus einem vielfälti­gen Hin- und Her­sprin­gen zwi­schen den unter­schied­li­chen Sta­ti­o­nen beste­hen. Außerdem beschrei­ben die dar­ge­stell­ten Sta­ti­o­nen nicht den tatsächlich ablau­fen­den Prozeß, son­dern sind eine ver­ein­fachte Dar­stel­lung. Sie stel­len eine mögli­che und nach Dörner sinn­volle Auf­tei­lung der ver­schie­de­nen Anfor­de­run­gen, mit denen man in kom­pli­zier­ten Situa­ti­o­nen kon­fron­tiert ist, dar, für jeman­den, der sich ein Bild über die rich­ti­gen Maßnah­men und das rich­tige Ver­hal­ten in sol­chen Situa­ti­o­nen machen will. Die fünf Sta­ti­o­nen beschrei­ben die Pro­bleme, die in sol­chen Situa­ti­o­nen gelöst wer­den müssen.

 

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