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Zwang - Zwangsneurose

Zwänge, Zweifel und Chaos

 

Was ist eine Zwangsstörung?

Zwang

Unter Zwangsstörungen versteht man, wenn eine Person sich dazu gezwungen fühlt, bestimmte Rituale auszuführen. Diese Rituale dauern häufig viele Stunden an und werden von der betroffenen Person als vollkommen sinnlos erlebt. Von Zwangsstörungen Betroffene fühlen sich aus unerklärlichen Gründen dazu veranlasst, immer wieder bestimmte Handlungen durchzuführen oder bestimmte Gedanken zu denken. Hier unterscheidet man zwischen Zwangsverhalten (z.B. Wasch- oder Kontrollzwang, zwanghafte Kontrolle von Türschlössern, Gashähnen etc.) und Zwangsgedanken (Zählzwang, Grübeln, sinnloses Wiederholen von Inhalten).

Zwänge als Symptom sind zwar charakteristisch für das Krankheitsbild der Zwangsstörung, treten aber auch bei anderen Persönlichkeitsstrukturen und Krankheitsbildern auf. In Ansätzen kennt wahrscheinlich jeder gelegentliche Zwanghaftigkeit. Das gilt besonders für Kinder (z.B. nicht auf Fugen treten dürfen).

Zwangssymptome können viele verschiedene Formen annehmen. Sie variieren von einer gelegentlichen, leicht bizarren Idee (wie z.B. das bereits erwähnte "nicht auf Fugen treten dürfen") bis hin zur Zwangshandlung, die den ganzen Alltag bestimmt (z.B. sich ständig waschen zu müssen).

Unterbricht die betroffene Person diese Rituale, führt das zu einer hohen Erregung und einem Gefühl des Unbehagens. Häufig treten Zwangssymptome gemeinsam mit Depressionen auf.

 

Beispiel

"Den Ansatz zur Bildung von Zwangssymptomen auf der Basis einer schon bestehenden, aber noch unauffälligen zwanghaften Persönlichkeitsstruktur kann uns folgendes Beispiel zeigen:

Ein junger Mann, um einiges zu wohl erzogen nach gut bürgerlichen Prinzipien, bringt seine Tanzstundendame nach dem Schlußball nach Hause. Das Mädchen gefällt ihm sehr, und auf dem Heimweg kommen in ihm Wünsche auf, sie in den Arm zu nehmen und zu küssen. Er erschrickt so vor der Kühnheit seiner Phantasie, hat zugleich soviel Angst, sich ungeschickt zu benehmen und von ihr abgewiesen zu werden, daß er beginnt, die Bäume an der Straße zu zählen. Das lenkt ihn von seinen gefährlichen Impulsen ab auf etwas Neutrales. Einmal so vorgebahnt, fuhr es sich bei ihm ein, daß er in Situationen, in denen er Angst- oder Schuldgefühle wegen seiner Triebwünsche bekam, zwanghaft etwas zu zählen begann, was sich gerade anbot. So rettete er sich aus für ihn gewagten Situationen vor Entscheidungen und aktivem Handeln in diesen Zählzwang, der solange anhielt, bis die Versuchung vorüber war. Er durchschaute den Zusammenhang nicht, war nur betroffen von diesem ihm unverständlichen Zwang, der sich ihm aufdrängte und den er als lästig empfand." (RIEMANN, 1997, S. 137)

 

Wie entstehen Zwänge?

Die Konfrontation mit Regeln und Verboten

Ungefähr zwischen dem 2. und dem 4. Lebensjahr wird das Kind meist zum ersten Mal mit Regeln und Verboten konfrontiert. Es kommt zu ersten Konflikten mit seiner Umwelt, da nun Differenzen zwischen den eigenen Wünschen und Bedürfnissen und denen der Erzieher auftreten. Das Kind hat nun ein Alter erreicht, in dem man bereits etwas von ihm fordern kann, und das Kind stellt der Welt seine eigenen Forderungen entgegen. Dazu kommt, daß das Kind seine Wünsche nun mehr und mehr sprachlich zum Ausdruck bringen kann. Nachdem es bis dahin in völliger Abhängigkeit von der Bezugsperson gelebt hat, erlebt es nun eine Phase der Ablösung verbunden mit einer wachsenden Neigung zur Selbständigkeit.

Auf diese Weise entstehen immer mehr Situationen, in denen das Kind mit seiner Umwelt in Konflikt geraten kann. In dieser Zeit etwa des 2. - 4. Lebensjahres wird im ersten Ansatz das Schicksal seines Erkundungstriebes sowie seiner aggressiven Triebe bestimmt. Außerdem wird in dieser Phase entscheidend die Ausformung des eigenen Willens beeinflußt. Die Verhaltensweisen, die das Kind in dieser Phase lernt, werden zu Verhaltensmodellen für die weitere Entfaltung der Persönlichkeit (Riemann, 1997).

Mögliche Ursache für Zwangsstörungen

Es geht in dieser Phase nicht um die Tatsache, dass Regeln und Verbote an das Kind herangetragen werden, sondern um das "WIE". Denn hier entsteht ein tiefe Grundlage dafür, ob ein Mensch später ein gesundes Selbstbewusstsein und einen eigenen Willen besitzt oder er sich trotzig gegen Autoritäten auflehnt, sich gefügig anpasst und damit bereits Ansätze zu einer späteren zwanghaften Persönlichkeitsstruktur erwirbt. In diesem Zusammenhang ist wichtig zu bemerken, dass Ersteindrücke und Ersterfahrungen besonders dann eine prägende Wirkung haben, wenn sie sich auf etwas beziehen was neu gelernt werden muss, d.h. auf etwas, das mit einem fälligen Entwicklungsschritt zusammenhängt.

Bei Personen, die an einer Zwangsstörung leiden, zeigt sich mit großer Regelmäßigkeit, dass sie zu früh in ihrer Kindheit starren Regeln unterworfen waren. Das Kind darf Dinge nur auf eine bestimmte Weise tun. Abweichungen werden geahndet und als "böse sein" erlebt. Das Kind versucht nun starr, die gegebenen Regeln zu befolgen, aus Angst, die Ablehnung der Umwelt auf sich zu ziehen. Diese starren Regeln hindern das Kind daran, die eigenen Impulse ausleben zu können. Dadurch wird die Möglichkeit unterdrückt, dass das Kind Verhaltensweisen erlernt, die zu größerer Eigenständigkeit und Unabhängigkeit verhelfen.

Reicht aber nicht einmal mehr die strikte Einhaltung der elterlichen Regeln dafür aus, um die eigene Angst vor Ablehnung zu kontrollieren, kommt es zur Entwicklung von Zwangssymptomen und Zwangshandlungen. Ursprünglich haben sie die Funktion die Angst zu kontrollieren, machen sich aber allmählich selbständig und werden zu einem inneren "Müssen" (Zwang). Selbst wenn die betroffene Person diese Rituale als sinnlos empfindet, ist es ihr trotzdem nicht möglich, diese zu unterlassen. Immer wenn die betroffene Person versucht, diesen Zwang zu unterbrechen oder aufzulösen, werden die Ängste, die damit vermeintlich kontrolliert werden, frei.

Schematisch kann man sagen, dass die Stärke der Zwänge davon abhängt, wie das Verhältnis von eigenen Bedürfnissen und Angst vor Strafe in der Kindheit ausgefallen ist.

 

Die Funktion von Zwängen

Die Zwangsstörung läßt sich als eine Form der Konfliktbewältigung sehen: Bei der Zwangssymptomatik handelt es sich darum, daß Themen wie Aggression, Zerstörung, Chaos, Willkür und Triebe durch die Bildung der Symptome aufgefangen werden sollen. Die Zwangsstörung stellt die personifizierte, zum Charakter gewordene Abwehr dieser Konfliktthemen dar. Alle Ansätze von Chaos und Willkür sind in Ordnungen und Prinzipienhaftigkeit gebändigt. Triebhafte Impulse sollen durch Sauberkeit, Vernünftigkeit, Sparsamkeit kontrolliert werden. Durch die strikte Planung und Sachlichkeit ist jegliche Spontanität unterbunden. Die aggressiven und "egoistischen" Tendenzen werden durch ethische Ansprüche und "selbstlose" Haltungen in das Gegenteil gewandelt. Diese starre Persönlichkeitsstruktur versucht eine umfassende Kontrolle über die eigene Psyche und die zwischenmenschlichen Beziehungen zu schaffen (Rudolf, 1996).

Doch es können auch enttäuschende Erfahrungen sein, die Personen mit einem schwachen Selbst und starker Sehnsucht nach engen Bindungen mit Hilfe zwanghafter Mittel versuchen zu bewältigen und durch die sie versuchen, weitere enttäuschende Erfahrungen zu vermeiden (z.B. kann die Angst vor dem Verlassenwerden durch zwanghafte Handlungen gebunden werden). In diesen Fällen ist nicht der Inhalt des Konfliktes typisch für eine Zwangsstörung, sondern die Art der Konfliktbewältigung.

 

Zwänge und Chaos

Fördernd für die Ausbildung zwanghafter Züge kann auch sein, wenn ein Kind in einem chaotischen Umfeld aufwächst, das ihm keine Orientierungspunkte bietet. Es hat keinen Halt und erlebt die Freiheit als beängstigend, da alle Möglichkeiten der Willkür offen sind. So sucht es nach einem inneren Halt, da es in seiner Umwelt keinen findet. Das Kind versucht, aus sich heraus Ordnungen und feste Grundsätze zu entwickeln, an die es sich halten kann und die ihm Sicherheit geben. Da sie durch die Umwelt wiederholt gefährdet werden, nehmen sie immer zwanghaftere Formen an.

 

Zwänge und Zweifel

Zweifel spielen für zwanghafte Persönlichkeiten in vielen Variationen eine Rolle. Zuallererst sind sie ein Schutz davor, sich zu etwas hinreißen zu lassen, das man eventuell hinterher bereuen könnte. Zweifel können sich immer mehr verselbständigen und zu einem Ersatz für das wirkliche aktive Tun werden. Durch dieses Zweifeln entsteht auch die charakteristische Eigenschaft von zwanghaften Menschen, zu zögern und unentschlossen zu sein.

 

Therapie

Behandlung von Zwangsverhalten

Lange galten Zwangsstörungen als schwer zu behandeln. Inzwischen erzielt man v.a. gute Erfolge mit verhaltenstherapeutischen Mitteln, die gelegentlich mit Medikamenten unterstützt werden. Die für die Therapie gewählten Methoden bei Zwangsverhalten (Zwangshandlungen) sind Verfahren der Konfrontation und Reaktionsverhinderung. Diese sollen den Zirkel von Angst und Vermeidung durchbrechen: Der Patient wird mit der Situation, welche die Zwangsrituale auslöst, konfrontiert. In Absprache und mit der Zustimmung des Patienten wird verhindert, daß das Zwangsverhalten ausgeführt werden kann. Zunächst führt das zu einem Anstieg, aber dann zu einem Nachlassen der Angst. Außerdem soll es zu einem Anstieg des subjektiven Erlebens von Kompetenz im Umgang mit dem Problem führen. Doch wenn das Zwangsverhalten eine stabilisierende Funktion hat, muß das bei der Therpieplanung beachtet werden, denn eine Konfrontation stellt in diesem Fall das falsche Mittel dar.

Behandlung von Zwangsgedanken

Da Zwangsgedanken sich der Beobachtung von außen entziehen, gestaltet sich die Behandlung häufig schwieriger. Eine Konfrontation durch wiederholtes Durchgehen der vermiedenen Gedanken und Vorstellungen kann ein angemessenes Vorgehen sein, um eine Gewöhnung bzw. Reaktionsverhinderung zu erreichen.

Nach einer solchen, die schlimmsten Symptome lindernden Verhaltenstherapie, ist es oft angeraten, eine "tiefer gehende", mehr die ursächlichen Zusammenhänge und Bedeutungen berücksichtigende tiefenpsychologische Behandlung anzuschließen. Insofern ist eine Therapie wünschenswert, in der der Therapeut bzw. die Therapeutin beide Aspekte mit in die Behandlung integrieren können.

 

Literaturempfehlungen


 

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Zu den Literaturtipps

 
[ggl horiz]
Dipl.-Psych. Volker Drewes
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